Ach, ich und die Kirschen (Teil 3)

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“… als sie etwa am Kirchgarten von den Tätern bedrängt wurden.”

kirschgarten

Ein Überfall beim Kirchgarten? Wie kann das sein? Eine eilige Suche im Mainzer Straßenverzeichnis bestätigt den schlimmen Verdacht: Es gibt keine Mainzer Straße namens Kirchgarten. Was es aber durchaus gibt, ist ein Kirschgarten. Also einfach ein Tippfehler? Vielleicht. Aber vielleicht auch der Auftakt zum nächsten Kapitel des isch-Lauts: der Hyperkorrektur.

[ʃ]-Verbot in der Standardsprache?

In Teil 2 wurde ja klar, dass im mitteldeutschen Raum zwei Laute, nämlich [ç] und [ʃ], zu einem werden. Wer die Umgangssprache muttersprachlich erlernt, in der das passiert ist, der kennt nur [ʃ]. Das stört erstmal keinen großen Geist, bis … ja, bis man Standarddeutsch sprechen will.

Dann aber steht man vor einem enormen Problem: Wie soll man die Wörter mit dem ich-Sch von den Wörtern unterscheiden, die sowieso schon ein <sch> haben? Woher soll man wissen, welche der drei <sch>s in Tscheschisch vom ich-Laut kommen und welche nicht?

schema-ch-schZum Zeitpunkt B ist es unmöglich, einem Wort anzusehen, ob es ursprünglich (und hochsprachlich jetzt noch) [ç] oder [ʃ] hat(te). Man lernt ja nicht zu jedem Laut seine Entstehungsgeschichte dazu.

Was tun? Raten!

Da man weiß, dass [ʃ] in vielen Fällen falsch ist, versucht man, das fremde [ç] einzusetzen. Oft auch dann, wenn die Standardaussprache eigentlich [ʃ] hat. Und was kommt raus? Genau: Tchechich. Oder, wie bei Helmut Kohls Pfälzisch: Gechichte.

Dieses Phänomen nennt man “Hyperkorrektur”: Man korrigiert etwas, das gar nicht falsch war – in meinem Beispiel das erste und das letzte <sch> von Tschechisch. Meist passiert das, wenn man in seiner Muttersprache oder in seinem Heimatdialekt eine Unterscheidung nicht kennt, die die Zielsprache besitzt. Im Hochdeutschen unterscheiden sich [ʃ], [ç] und [x] lautlich, in den betroffenen mitteldeutschen Umgangssprachen nur [ʃ] und [x].

Von der Kirsche zur Kirche

kirschen

Was hat das nun mit dem Überfall am 19.1. zu tun? Genau: Es könnte sein, dass die Person, die den Bericht geschrieben hat, Rheinhessisch spricht und deshalb Kirschgarten in Kirchgarten “korrigiert” hat. Weil Kirchgarten nicht so offensichtlich falsch ist und die Schreibung ganz normal aussieht, ist es dann wohl so geblieben.

In Fällen, in denen es das Wort mit <ch> nicht gibt, fällt es schneller auf, denn schriftsprachlich lernt man ja, wo <ch> und wo <sch> geschrieben wird.

Herrgen (1986) hat aber auch viele Beispiele, wo <ch> geschrieben wurde, obwohl es kein anderes Wort im Hochdeutschen gibt, das ein <ch> hat – meist in Schulaufsätzen: Deutchunterricht, Bichof, Sparchwein.

Im Internet spricht man Tchechich!

Ein bißchen Googlen zeigt, dass die [ʃ]-Hyperkorrektur auch bei Erwachsenen öfter geschrieben wird, als man denkt. Zur Sicherheit habe ich Tchechich gesucht – wenn’s zweimal in einem Wort vorkommt, kann es kaum mehr Zufall sein:

  • —-Sprache
    ——-Deutsch
    ——-Italienisch
    ——-Spanisch
    ——-Niederländisch
    ——-Dänisch
    ——-Polnisch
    ——-Tchechich
    ——-Portogisisch
    ——-Enlisch
    ——-Französich
    (Quelle)
  • Nur leider konnt man hier auf Grund fehlender Tchechich-Kenntnisse nicht wie bisher mitgröhlen. (Quelle – es ist konsequent!)
  • Gibt bestimmt auch Pendelbusse, aber wer spricht schon Tchechich? (Quelle)
  • Dieses formular (auf Tchechich) werde ich bei jeder fahrt bei mir haben, wenn ich kontroliert werde zeige ich es vor und die polizei wird daraufhin nicht weiter nachforschen. (Quelle)

Warum heißt der Kirschgarten Kirschgarten?

2009-03-06-kirschgarten

Ganz am Anfang meiner Nachforschungen hatte ich mal die wilde These, dass der Straßenname Kirschgarten vielleicht eine Verschriftung der regionalen Aussprachevariante mit [ʃ] gewesen sein könnte, und vielleicht doch eine Kirche in der Nähe namensgebend war. Nachdem im letzten Teil ja klar wurde, dass die [ʃ]-Geschichte relativ neu ist, geht das natürlich nicht mehr – der Straßenname ist ja viel älter als das Phänomen. Er hat also tatsächlich etwas mit Kirschen zu tun.

Die Stadt Mainz gibt auf ihrer Internetseite folgende Erklärung:

Der Ort wurde bereits 1329 als „im Kirschgarten” bezeichnet. Der Name rührt von der Kirschbornquelle her, die am Rochushospital (Rochusstraße 9), entspringt.

Skeptisch wie ich bin, habe ich eine Frau gefragt, die es wissen muss: Rita Heuser hat ein gigantisches Buch zu Mainzer Straßennamen geschrieben. Und sie schreibt zur Erklärung der Mainzer Seite:

[I]ch denke es war umgekehrt: die Quelle hat den Namen von dem ehemaligen Flurnamen Kirschgarten (erste Erwähnung: ortum nostrum in Maguntia dicitur kirsgarte 1267; Kirsborn 1402).

Die ältere Form kirsgarte hat einen Lautwandel mitgemacht, bei dem s nach r zu [ʃ] wurde, daher heute Kirschgarten (ein anderes Beispiel für den Lautwandel ist Hirsch).

Chon Chluss?

Ja. Hier endet das Verwirrspiel von ich und isch. Ich hoffe, es hat Spaß gemacht!

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Eine Antwort zu Ach, ich und die Kirschen (Teil 3)

  1. VEB wortfeile sagt:

    vielen dank für die kompetente antwort! ich vermutete, daß sich der gute mann von unserem hochdeutsch zu sprachbestleistungen angestachelt sah. ich stelle es mir dann eben einfach immer geschrieben vor. daher die eher dreiste assoziation zur legasthenie. ich werde sicher gelegenlich wieder auf deinem sprachblog vorbeischauen & lesen. kann ich noch viel dazulernen.

    zum kirchgarten fällt mir noch das thüringische eischhörnschen (eichhörnchen), tichchen (tischchen) und die kürsche (kirche) ein…

    herzlich,
    VEB wortfeile

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