Unförmige Gurken und zusammengewachsene Kirchen

28. Mai 2009
Rhein-Neckar-Zeitung, 28.5.2009

Rhein-Neckar-Zeitung, 28.5.2009

Na also! Es kann doch nicht sein, dass man jeden Morgen einen Pressespiegel erstellt und dabei nie auf bemerkenswerte Spracheigenheiten stößt! Diese hier wurde zwar im Schplock schon lang und breit besprochen, aber dass zusammengewachsene Kirchen auf dem Lebensmittelmarkt auf Ablehnung stoßen, ist durchaus eine Meldung wert:

Kopie von gurken-groß

Guten Appetit und frohe Mittagspause!


Heames kauft bei Amerzon

19. Mai 2009

Folgende Paketbenachrichtigung erwartete uns am Sonntag:

2009-05-19-amerzon

Ein genauerer Blick:

2009-05-19-amerzonklein

Amerzon? Nicht so dumm, wie man im ersten Moment vielleicht denkt. Hier haben wir einen klassischen Zusammenprall von Aussprache und Schreibung: Das vokalisierte r, in IPA: [ɐ].

Im Deutschen wird -r nach Vokal oft a-ähnlich ausgesprochen:

  • mir wird zu mia,
  • Kirche zu Kiache,
  • Uhr zu Ua.

Bedingung ist allerdings, dass der Vokal und das r zur selben Silbe gehören:

  • O-ra-to-ri-um bleibt Oratorium,
  • Ge-rüst bleibt Gerüst.

Auch die Kombination -er als Ganzes wird häufig vokalisiert:

  • Kinder zu Kinda,
  • Gärtner zu Gärtna,
  • hier zu hia.

Am Wortanfang wird nicht das ganze er- zu [ɐ], sondern nur das r:

  • Erwachsene zu Eawachsene.

Diese Aussprache führt dazu, dass besonders beim Schreibenlernen häufig ein <a> geschrieben wird, wo eigentlich ein <r> oder ein <er> stehen müsste. Irgendwo bei meinen Eltern liegt noch ein Bild, auf dem ich den “KINDAGEBUATSTAK BEI EMANUEL” dargestellt habe. Scanne ich euch bei Gelegenheit mal.

Was der Hermes-Bote hier getan hat, ist quasi das Gegenteil: Er weiß, dass er häufig ein a spricht, wo eigentlich ein <er> stehen muss und korrigiert sich entsprechend – in diesem Fall zu viel: die Hyperkorrektur hat mal wieder zugeschlagen. Wo er bei Amazon ein a spricht, steht auch eines.

Der Fehler scheint gerne gemacht zu werden, immerhin hat sich jemand die Mühe gemacht, www.amerzon.de zu registrieren. Die Seite sagt:

Bitte überprüfen Sie Ihre Schreibweise und versuchen Sie es erneut.”

(Ob der Besitzer der Seite etwas mit amazon.de zu tun hat, weiß ich nicht, bezweifle es aber. Er besitzt auch noch die Domain amanzon.de, die denselben Text bietet. Andere Leute treiben mit der Ähnlichkeit richtig Schindluder, die verlinke ich jetzt aber nicht.)

Ich habe die Schreibweise auch mal gegooglet:

Suche dvd von der bundeslade dokumentation bitte nicht von amerzon?” (Quelle)

Eine andere Frage bei BOD heist es in der Hilfe nach der Freigabe dauert es 14 Tage bis es bei Amerzon erscheint, nun die Freigabe ist 9 Tage her und es ist noch nicht mal auf der HP von BOD?? Ist das normal?” (Quelle)

Gerade bei Amerzon geschaut 19,95 €” (Quelle)

So bat Werner M. HELP um Hilfe, doch auch uns gegenüber betonte Amerzon, dass das Buch über den Amazon-Marketplace gekauft wurde.” (Quelle)

Überraschend daran finde ich, dass der Fehler gemacht wird, obwohl Amazon ein Name ist, den man ja in erster Linie aus einem schriftlichen Medium kennt.

Und damit melde ich mich für den Rest der Woche ab, um auf die StuTS zu fahren – vielleicht sehen wir uns da ja?


[Lesetipp] Mein Name ist Hasentochter

15. Mai 2009

Bei der FAZ gab’s am Dienstag einen schönen Artikel zu Namengebung in Island: Egils Töchter und Helgas Sohn.

In Island trägt man nämlich normalerweise keinen Familiennamen, sondern einen Vaters- oder Muttersnamen. An den Vornamen eines Elternteils (früher war es immer der Name des Vaters, mittlerweile ist auch der der Mutter möglich) wird einfach -dóttir ‘-tochter’ bzw. -son ‘-sohn’ angehängt. Einen solchen Namen bezeichnet man als “Beinamen”.

Zur allgemeinen Verwirrung habe ich ein Schema gebastelt, das die möglichen Kombinationen darstellt. Oben die Eltern (der Übersichtlichkeit halber ohne Beinamen), unten die Kinder (Helga und Ragnar sind ihre Rufnamen). Die Pfeile von den Vornamen der Kinder aus zeigen an, dass das Zweitglied des Beinamens durch das Geschlecht bestimmt wird (was ja eigentlich logisch ist):

2009-05-isl

Im Telefonbuch sind die Isländer unter ihren Vornamen zu finden. Möglich ist das natürlich nur, weil Island so überschaubar ist – Familiennamen entstanden nämlich in den meisten Ländern als Reaktion auf die wachsenden Bevölkerungszahlen.

Der Artikel erklärt auch, was passiert, wenn Ausländer Isländer werden wollen, warum manche Isländer doch einen Familiennamen haben und was es mit den “Mittelnamen” auf sich hat. Lesenswert!


Ein Rohling muss kein Wüstling sein

13. Mai 2009

Das versprochene zweite Computerwort − diesmal viel alltäglicher: Rohling. Eine unbeschriebene CD oder DVD. Ich kenne das Wort schon ewig und habe noch nie darüber nachgedacht, aber kürzlich war mir meditativ zumute:

Rohling ist eine Wortbildung auf -ling wie Abkömmling, Erstling, Sonderling, Günstling, Däumling, Schädling, Flüchtling

Wen mögen die Linge?

Das Suffix -ling sorgt dafür, dass das Wort, an das es angehängt wird, ein Substantiv wird. Dabei ist die Ausgangsbasis ziemlich egal, das -ling gibt es bei vielen Wortarten:

Substantiv Hof Höfling
Adjektiv schwach Schwächling
Verb saugen Säugling

(Wie man sieht, gibt es in der Regel Umlaut, wegen dem [i] in -ling.)

Wirklich jeden?

Jein. Substantivierungen mit -ling gibt es zwar zu verschiedenen Wortarten, aber ganz wichtig für die Zuneigung der Linge ist natürlich, welche Wortarten sie heute noch mögen. Neubildungen nach dem Muster von Häuptling oder Lehrling gibt es heute quasi nicht mehr1, die Schwächlinge hingegen blühen auf: Das Suffix kann mittlerweile (fast) nur noch an Adjektive treten. Der Duden-Newsletter gibt z.B. Naivling und Primitivling als Neuschöpfungen an.

Und wer sind sie überhaupt?

Die Linge sind vielseitig. Es gab sie schon im Althochdeutschen und sie bildeten damals laut Kluge “Zugehörigkeitssubstantive”. Der Häftling gehört also in die Haft, der Hänfling in den Hanf, der Fremdling in die Fremde und der Fäustling an die Faust. Jagut. Sehr allgemein.

Die Bildungen gehen auf ein -ing zurück, z.B. in edil+ing, lantsidil+ing ‘Landsasse’. Das l im Auslaut solcher Wörter wurde dann als Teil der Endung reanalysiert, -ing wurde zu -ling.

Die entstandenen Substantive sind größtenteils Menschen (Sprössling, Liebling, Fremdling, Eindringling, Zögling), es sind aber auch Tiere dabei (Schmetterling, Frischling, Nestling, Sperling), gelegentlich Pflanzen (Pfifferling < mhd. pfefferlinc zu Pfeffer, Schößling, Schierling < ahd. skeriling zu *skarna- ‘Mist’) und sogar Dinge (Schilling, Fäustling) und Abstrakta (Frühling).

Linge sind doof!

Die heute noch produktiven Substantive auf -ling sind i.d.R. abwertende Personenbezeichnungen (fast ausschließlich für Männer verwendbar), meistens sucht man sich für sie auch gleich negative Basen aus, wie Aggressivling, Aufdringling, …

Diese negative Wertung ist sehr stark, es gibt keine positiven neuen Linge. Das böse Vorurteil wird aber natürlich nicht von allen älteren Bildungen geteilt, die Bezeichnungen für Nicht-Menschen sind neutral, die für Menschen können negativ sein, müssen es aber nicht. (Ein netter Dialog zum Thema.) Vielleicht ist die abwertende Bedeutung über den Zwischenschritt der Verkleinerung entstanden (wie bei Säugling oder auch den Tierjungen – Frischling – oder kleinen Tieren – Sperling, Bläuling). Weinrich et al. (2003) sind der Meinung, dass die negative Bedeutung zunächst nur im negativen Adjektiv steckte und von dort aus quasi auf die Endung überging, die sich dann auch an neutrale Wörter hängen konnte, um sie schlecht zu machen: Schreiberling. Leider erschöpfen sich meine kursorischen Nachforschungen aus Zeitgründen hier.

Ist ein Rohling brutal?

Jetzt aber endlich zur unbeschriebenen CD! Das Wort Rohling gab es schon lange vor den CDs in Nicht-Computerbedeutung, und zwar gleich doppelt:

  1. ein brutaler Mensch
  2. Guß- oder Schmiedeteil, der zum Werkstück weiterverarbeitet wird.” (aus: Das neue Taschenlexikon in 20 Bänden, 1992)

Hier ist schön zu erkennen, dass das Wort einmal negativ ist (wenn es einen Menschen bezeichnet) und einmal neutral (bei einem Ding).

Ob die beiden Bedeutungen auf eine Ursprungsform zurückgehen (d.h. von einem Objekt auf einen Menschen übertragen), konnte ich nicht herausfinden, sie können durchaus unabhängig voneinander gebildet worden sein. Grimms Wörterbuch kennt nur den groben Menschen (und gleichnamige Pilze und Frösche), was aber wegen der technischeren Bezeichnung des Metallteils nicht viel heißen muss:

RÖHLING, m., auch rohling, homo rudis, gebildet wie frischling, neuling. bei MAALER der ihm eigenen form rouw entsprechend röuwling (der) ferus (vgl. roh I): die witwe merkte wohl, wo es den rohling drückte. KLINGER 6, 215;

Trotz Unergiebigkeit der Literatur (Das Taschenlexikon kennt ihn noch nicht, Wikipedia ist ungewöhnlich kurz angebunden und Kluge gibt erst recht nichts her) wage ich es zu behaupten, dass der CD-Rohling wohl von der zweiten Bedeutung herkommt. Ebenso wie das Metallteil ist die unbeschriebene CD für unsere Zwecke “formbar” und erhält erst so ihre Bedeutung. Erscheint mir sehr plausibel. Auch wenn die gewalttätige Erklärung irgendwie schöner wäre.

Welche Linge kennt Ihr?

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Ein paar Krümel …

7. Mai 2009

… fürs Schplock. Ich mache momentan ein Praktikum und bin kaum noch zuhause, geschweige denn in der Bibliothek, was alle laufenden Schplock-Projekte etwas verzögert.

Heute nur ein Wort, das ich bei der Arbeit aufgeschnappt habe: Brotkrumenpfad, eine direkte Übersetzung von breadcrumb trail. Was wiederum inspiriert vom deutschen Vorbild ist, auch wenn der Ausdruck im Märchen nicht auftaucht (“Wart nur, Gretel, bis der Mond aufgeht, dann werden wir die Brotbröcklein sehen, die ich ausgestreut habe, die zeigen uns den Weg nach Haus”).

Wenn man den Kontext berücksichtigt − es ging um eine Internetseite − erschließt sich ziemlich leicht, was gemeint ist:

2009-05-07-brotkrumen1Seltsam nur, dass die Brotkrumenpfade als sinnvolle Navigation gesehen werden, im Märchen ging das ja voll daneben.

Die englische Wikipedia weiß übrigens, dass die Grimmschen Märchen auch im englischen Sprachraum nicht mehr so oft gelesen zu werden scheinen:

“Some commentators and programmers alternatively use the term “cookie crumb” (or some variant) as a synonym to describe the previously mentioned navigation technique, but this usage is considered incorrect and most likely represents a linguistic corruption of the original ‘breadcrumb’ metaphor.”

Hätten die Eltern von Hänsel und Gretel Geld für Kekse gehabt, wäre das ja alles eh nie passiert …

Das nächste Mal geht es um einen weiteren Begriff aus der Computerwelt. Aber vorher muss ich meine Kenntnisse in deutscher Wortbildung noch etwas auffrischen.


[Lesetipp] Rudi Keller über Sprachwandel

4. Mai 2009

Dieser Artikel ist ins neue Sprachlog umgezogen und ab sofort hier zu finden!


[Lesetipp] Luca und Leonie in Love

1. Mai 2009

2009-05-01-lucaleonieHeute mal wieder ein Link- und Lesetipp, dank einem Offline-Tipp von Luise: Luca und Leonie in Love.
Es geht um die Androgynisierung von Rufnamen1 im Deutschen, d.h. das Phänomen, dass sich männliche und weibliche Vornamen immer ähnlicher werden. Frau Nübling (Vorname: Damaris) hat es untersucht und ein Journalist (Vorname: Alfons) hat einen wirklich lesenswerten Artikel draus gemacht, Respekt! Es werden sogar Dinge wie die Sonoritätshierachie erklärt

(So sieht sie Vokale und Konsonanten auf einem phonetischen Kontinuum, auf dem stimmhafte Dauerlaute wie „l“, „m“, „n“, „j“, weil sie weicher klingen, den Vokalen näher stehen als die stimmlosen Plosive „p“, „t“, „k“),

und ansatzweise2 auch Silbenstrukturen

(Die lieblichen Laute stehen auch nicht mehr so oft neben anderen Konsonanten (wie das „l“ in Elke), sondern können sich zwischen Vokalen (wie das „l“ in Julian) oder vor Vokalen (wie das „l“ in Leah) lautlich viel freier entfalten. [...] Zudem bestätigt die Liste, dass Konsonantencluster – wie bei den ersten beiden Buchstaben von Brigitte – am Aussterben sind).

Nach all den langweiligen Top-Ten-des-Jahres-Artikeln, die ich im Laufe meines Lebens lesen musste, ist das echt mal was anderes.

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