Googlehupf gegoogelt

28. Juli 2009

Patrick hat im Mai bemerkt, dass ich <gegooglet> schreibe statt <gegoogelt>:

Mir ist auch aufgefallen, dass Du „gegooglet“ schreibst, obwohl Präskriptivisten „googel-“ als Stamm vorschreiben (vgl. hier). Wäre mal interessant rauszufinden wie oft dieser „Fehler“ so im Schnitt passiert.

2009-07-28-gegooglet

Ich habe natürlich einen Grund für meine Schreibung, und zwar die Tatsache, dass Google drinsteckt. Da das Verb eine Ableitung des Eigennamens ist, erscheint es mir höchst gewagt, diesen Eigennamen schriftlich zu entstellen, in googel. Genau das tun aber Wörterbücher wie der Duden. Und haben dafür zugegebenermaßen auch einen guten Grund: Es gibt eine ganze Menge deutscher Verben auf -eln, in die sich googeln ausgezeichnet einfügt:

  • handeln, ich handle – gehandelt
  • lächeln, ich lächle gelächelt
  • googeln, ich google gegoogelt

Die 1. Person Singular spielt hier eine wichtige Rolle: Statt ich handele, lächele kann es auch ich handle, lächle heißen. Den Ausfall des e im Wortinneren bezeichnet man als “Synkope”. Dadurch entsteht eine Form auf -le, die dem Ende von Goog-le gleicht. Das bietet eine Art Anknüpfungspunkt für das neue Verb: In der 1. Person Singular kann es unverändert bleiben, in den anderen fügt es sich in die Reihe der anderen l-Verben ein. (Diesen Vorgang nennt man “Analogie”.)

Dass die 1. Person Singular in den deutschen Verben aus der Reihe tanzt (ich handle, du handelst, er handelt; wir/sie handeln, ihr handelt) ist zwei verschiedenen Tilgungsprozessen geschuldet. Das e in handle ist nämlich nicht dasselbe wie in handeln: Bei handeln gehört es zum Wortstamm, bei handle ist es die Flexionsendung.

Vor langer, langer Zeit (im Mittelhochdeutschen, 1050-1350) hatten einmal sowohl Stamm als auch Endung immer ein e:

Stamm Endung
Infinitiv handel en
ich handel e
du handel est
er/sie/es handel et
wir handel en
ir handel et
sie handel en

Dann wurde das Endungs-e synkopiert, und zwar

  • bei allen Verben in der 2./3. Sg. und der 2. Pl. (du machest > du machst)
  • bei Verben, deren Stamm auf -er oder -el endet im Infinitiv und der 1./3. Pl. (sie handelen > sie handeln).

Es bleibt also nur die 1. Person Singular be-e-t:

Stamm Endung
Infinitiv handel n
ich handel e
du handel st
er/sie/es handel t
wir handel n
ihr handel t
sie handel n

Nun gibt es aber noch eine zweite e-Tilgung. Diesmal ist sie freiwillig und betrifft das e im Stamm. Bei Verben, die auf -el enden, kann es in der 1. Person Singular getilgt werden, also ich handele oder ich handle. Ersteres sieht man aber m.E. wirklich nur noch in schriftlicher Form:

Stamm Endung
Infinitiv handel n
ich hand(e)l e
du handel st
er/sie/es handel t
wir handel n
ihr handel t
sie handel n

Daraus resultierend ist das vorher dreisilbige Wort in allen Präsensformen zweisilbig geworden: han-deln, han-dle, … Dadurch wird das Wort ohne Informationsverlust kürzer und bekommt das trochäische Betonungsmuster (betonte Silbe – unbetonte Silbe), das generell im Deutschen sehr beliebt ist.

Die gesprochene Sprache ist vielerorts noch viel weiter und hat mittlerweile alle e-Laute eliminiert: ich handl, du handlst, er handlt, wir/sie handln, ihr handlt. Deshalb ist die Debatte darüber, ob man <googlen> oder <googeln> schreibt für das gesprochene Deutsch auch ziemlich irrelevant – gesprochen heißt es einfach gugln.

Ich habe mal gegooglet (“Seiten auf Deutsch”), und zwar den Infinitiv (goog[el/le]n) und das Partizip (gegoog[el/le]t):

  • -le: 726 000 (gesamt) – Infinitiv: 644.000, Partizip: 82.000
  • -el: 964 000 (gesamt) – Infinitiv: 543.000, Partizip: 421.000

Insgesamt hat also die Dudenlösen die Nase vorn, allerdings gibt es große Unterschiede zwischen Infinitiv (googlen dominiert leicht) und Partizip (gegoogelt dominiert extrem). Google selbst scheint das Wort übrigens nicht zu gebrauchen.


Wo spricht man Platt? Und wo das beste Hochdeutsch?

21. Juli 2009

Ernst Wilhelm hat in seinem Blog gefragt, wie der Zwiebelfisch drauf kommt, dass man südlich von Hannover kein Platt mehr spreche. Ich nehme an, der Zwiebelfisch hat um des dramatischen Effekts Willen untertrieben – denn natürlich spricht man auch südlich von Hannover noch Platt. Je nach Definition auch noch viel weiter südlich.

Die Bezeichnung Platt wird nämlich für zwei Dinge verwendet, die sich teilweise überlagern: Zum einen ist es ein Synonym für die wissenschaftliche Bezeichnung Niederdeutsch. Damit werden alle Mundarten bezeichnet, die von der Zweiten Lautverschiebung nicht erfasst wurden, wo man also noch Pund, Appel, dat und maken statt Pfund, Apfel, das und machen sagt. In Hannover und Umgebung heißt die niederdeutsche Mundart Ostfälisch. Im Süden reicht sie bis Göttingen und noch ein Stückchen weiter. Das sieht man prima auf diesem Ausschnitt einer Wikipediakarte – das Ostfälische trägt die Nummer 7:

2009-07-16-Niederdeutsch

Rheinisches Platt – ein Oxymoron?

Hinzu kommt aber noch eine zweite Verwendung von Platt, bei der sich die SprecherInnen herzlich wenig darum scheren, ob sie im niederdeutschen Gebiet leben oder nicht, nämlich als Synonym für Dialekt. Diesen Gebrauch findet man vor allem im westmitteldeutschen Sprachraum, also zwischen Germersheim und Düsseldorf. Eine Befragung des Atlas’ der deutschen Alltagssprache zeigt das eindrücklich – hier der Link zur Karte, alle blauen Punkte bezeichnen SprecherInnen, die von ihrem Dialekt als Platt sprechen. (Soweit ich das verstanden habe, kann ein Ortspunkt aus nur einer Person bestehen, aber auch aus mehreren, je nach dem, wie viele geantwortet haben. Also ist es eher als Impression zu werten, ähnlich wie bei König.)

Ist Platt platt?

Das Wort Platt kommt wohl aus dem Niederländischen, das es wiederum aus dem Französischen entlehnt hat. Im Niederländischen tauchte es erstmals in einem Druck des Neuen Testaments aus Delft aus – im Titel und Vorwort kommt die Wendung in goede platten duytsche vor (Sanders 1982:26). plat bedeutet dabei ‘klar, deutlich, allen verständlich’ und nahm nach und nach die Bedeutung ‘allen verständliche Sprache’ (im Gegensatz zum Lateinischen) an. Das Wort schaffte es auch in den niederdeutschen Sprachraum, und von dort aus wahrscheinlich ins Westmitteldeutsche – allerdings nicht bevor es eine Bedeutungsverschlechterung zu ‘niedrige, derbe Sprechweise’ mitgemacht hatte. Ab dem 18. Jahrhundert war es in Norddeutschland gebräuchlich. Sowohl Sanders (1982) als auch Stellmacher (1990) weisen darauf hin, dass die negative Bedeutung noch heute mitschwinge. Mir selbst kam das allerdings nie so vor, eher im Gegenteil.

Die Erklärung, dass Platt vom platten Land komme, auf dem es gesprochen wird, findet sich übrigens in älteren Wörterbüchern (z.B. bei Campe 1809), scheint aber mittlerweile widerlegt zu sein.

Platt- und Hochdeutsch

Ernst Wilhelm schreibt auch:

Eck frage mek ohnedem worumme die Luie glöwet dat heier in use Gegend dat beste Hochdütsch esproket ward. [Meine Übersetzung: Ich frage mich sowieso, warum die Leute glauben, dass hier in unserer Gegend das beste Hochdeutsch gesprochen wird.]

Das frage ich mich allerdings auch.

Bis Anfang des 17. Jahrhunderts war Niederdeutsch (genauer die ältere Sprachstufe Mittelniederdeutsch) sowohl die gesprochene als auch die geschriebene Sprache in Norddeutschland. Dass ihre Verschriftung endete und sie fast nur noch in den niedereren Gesellschaftsschichten gesprochen wurde, hat mehrere Gründe (nach König 2005):

  • den großen Einfluss der hochdeutschen Dichtersprache in mittelhochdeutscher Zeit (1050-1350).
  • den Niedergang der Hanse im 15. Jahrhundert (das Mittelniederdeutsche wurde auch als Hansesprache bezeichnet) und den gleichzeitigen wirtschaftlichen Aufstieg oberdeutscher Städte (Augsburg, Nürnberg).
  • wichtige politische und juristische Institutionen, die im Süden angesiedelt sind (Kaiser, Reichskammergericht).
  • die zunehmende kulturelle Bedeutung des Südens.

Das “beste” Hochdeutsch im niederdeutschen Gebiet?

Als Hoch- und Schriftsprache setzte sich also das Hochdeutsche durch. Nun gab es zu Beginn des 19. Jahrhunderts bereits eine sehr einheitliche hochdeutsche Schriftsprache (wie die entstand, erzähle ich ein andermal) – aber die Aussprache war ein ganz anderes Paar Schuhe, je nach Region konnte das schriftlich so einheitliche Deutsch sehr, sehr verschieden klingen. Die niederdeutschen Dialekte sind in der Aussprache von den hochdeutschen Dialekten ziemlich weit entfernt, wesentlich weiter als vom Niederländischen z.B. Für Norddeutsche war das Hochdeutsche wie eine Fremdsprache, es musste ganz neu gelernt werden. Wie man es schrieb war klar, wie aber sollte es ausgesprochen werden? Das Zauberwort heißt “Schreiblautung”, also buchstabengetreue Aussprache des Geschriebenen.

Im Süden war es leicht, das Geschriebene entsprechend der lokalen Dialekte auszusprechen – Dialekt und Schriftsprache waren ja doch recht eng miteinander verwandt. So gab (und gibt) es in vielen süddeutschen Dialekten kein ö, sondern an den entsprechenden Stellen ein e. Es heißt also heren statt hören, Werter statt Wörter. Immer ein e zu lesen, wo ein <ö> stand, war für die Menschen überhaupt kein Problem. (Wir sprechen hier natürlich nur von Menschen, die lesen konnten. Menschen, die nicht zu dieser Schicht gehörten, sprachen ausschließlich ihren Dialekt, ohne Versuch, sich dem nur geschriebenen Standard anzupassen.)

Im niederdeutschen Sprachgebiet gab es die Möglichkeit einer modifizierten Aussprache nicht. Die Laute des Niederdeutschen waren einfach zu verschieden von denen des Hochdeutschen. Im Sprechen hätte man bei jedem Wort quasi die Auswirkungen der Zweiten Lautverschiebung und anderer Lautwandelprozesse des Hochdeutschen rückgängig machen müssen, und das geht einfach nicht. Entsprechend sprachen die Menschen im niederdeutschen Gebiet die hochdeutsche Schreibung aus, wie sie dastand. So gelangte man schließlich zur Auffassung, die Norddeutschen sprächen das beste Hochdeutsch.

“Durch lange sorgfältige Pflege hat sich auf der Bühne eine besonders reine Aussprache des Deutschen herausgebildet”

Es gab aber auch noch einen zweiten Ort, an dem man sich sehr um eine einheitliche Lautung bemühte: Die Theaterbühne. Schon Goethe forderte eine einheitliche Bühnenaussprache ein, und 1898 wurde sie schließlich auf einer Konferenz von Mitgliedern des deutschen Bühnenvereins und Vertretern der Germanistik in Berlin festgelegt. Nachzulesen ist sie in Theodor Siebs’ “Deutsche Bühnenaussprache”. Es handelt sich dabei aber ausdrücklich nicht um eine Schreiblautung, Siebs – übrigens ein Norddeutscher – schreibt:

[D]ie Schreibung kann niemals Maßstab für die Aussprache sein. Die Schrift ist gegenüber der Aussprache stets etwas Sekundäres.

Das merkt man z.B. bei Wörtern mit <st> oder <sp> am Anfang: Würde man sie nach der Schreibung aussprechen, müsste es S-tein oder S-piel heißen. Siebs forderte aber, wie es auch der tatsächlichen Aussprache entsprach, den sch-Laut:

[D]ie nordwestdeutsche Aussprache sp, st ist als mundartliche Eigenart auf der Bühne durchaus zu vermeiden.

Bis zur Entstehung des Aussprachedudens (BRD, 1962) bzw. des “Wörterbuchs der deutschen Aussprache” (DDR, 1964) war die Bühnenaussprache maßgebend,  sie galt als korrekt. Für korrekte Aussprache gibt es übrigens auch einen Fachbegriff: Orthoepie (also wie Orthografie, nur gesprochen). Obwohl die Bühnenaussprache von der norddeutschen Schreiblautung bestimmt beeinflusst wurde, ist sie nicht mit ihr gleichzusetzen. Es ist also reine Definitionssache, wo das “beste” Hochdeutsch gesprochen wird. Wenn man die Güte aber daran misst, wie sehr die Aussprache als kodifizierter Standard gilt, dann hat Hannover nicht mehr so viel zu melden.

Heutige Aussprachewörterbücher lassen sehr viele Variaten zu und berücksichtigen das gesprochene Deutsch zu einen größeren Maße. Sie orientieren sich auch nicht mehr an SchauspielerInnen, sondern z.B. an NachrichtensprecherInnen, also Menschen, die ein möglichst breites Publikum möglichst neutral informieren wollen.

[Beim Googlen bin ich auch noch auf einen interessanten Artikel zum Thema gestoßen: Hannover für Sprachbegabte]


Willkommen in Raiputsihi!

19. Juli 2009

Kürzlich kam hier jemand her auf der Suche nach einer

deutschlandkarte auf japanisch

Ja, wie kann man so etwas finden? Wahrscheinlich wird ja nicht “Deutschlandkarte” dabeistehen, wenn’s auf Japanisch ist. Ich hatte mehrere semibrillante Ideen, die schiefgegangen sind: In der japanischen Wikipedia hat der Eintrag für Deutschland nur eine deutsche Karte, bei GoogleMaps-Japan sind die Orte in Originalsprache bezeichnet. Dann also doch das Offensichtlichste: Bildersuche bei Google mit dem Suchwort ドイツ (doitsu ‘Deutsch(land)’). Gleich auf der ersten Seite gibt es drei Karten: eine zweisprachige, und zwei rein japanische. Verfeinert man die Suche noch mit den Schriftzeichen für Landkarte, 地図, findet man u.a. noch eine etwas detailliertere zweisprachige Karte.

All diese Karten sind in Katakana beschriftet, also der Schrift für Fremdwörter. Dabei versucht man, den deutschen Klang so gut wie möglich mit den japanischen Lauten und vor allem der japanischen Phonotaktik wiederzugeben.

Phonotaktik bezeichnet die in einer Sprache möglichen Lautkombinationen. Besonders was die Konsonanten anbetrifft, gibt es da zwischen verschiedenen Sprachen große Unterschiede. Im Deutschen können Silben mit mehreren aufeinanderfolgenden Konsonanten beginnen oder enden, wie ʃt-, ʃpr-, ʃl-, kr-, … (stehen, sprechen, schlafen, kriechen) oder -nf, -rm, -ln, -rbst … (Hanf, Arm, streicheln, Herbst). Solche Kombinationen heißen auch “Konsonantencluster”. Im Japanischen gibt es das quasi nicht. Am Anfang einer Silbe können maximal zwei Konsonanten stehen, aber auch nur ganz bestimmte, und am Ende nur einer.

  • Silbenanfang: maximal ein Konsonant+j (geschrieben als <y>) wie in hap-pya-ku ‘800’, gya-ku ‘Gegenteil’
  • Silbenende: nur ein Konsonant wie in jin ‘Mensch’, hap-pya-ku ‘800’ – und wenn der Konsonant nicht n ist, dann geht es auch nur als Teil eines Doppelkonsonanten, d.h. die nächste Silbe muss mit demselben Konsonanten anfangen.

Wenn man mit solchen Silben nun deutsche Wörter erfassen will, wird’s schwierig. Was ist mit einer Stadt wie Stuttgart? Die Lösung ist einfach: Man schiebt ein paar Vokale zwischen die störrischen Kononantencluster: shu-tut-to-ga-ru-to (シュトゥットガルト). Schwupps, entspricht das Wort den phonotaktischen Regeln des Japanischen. Die Vokale zwischen stimmlosen Konsonanten werden übrigens fast gar nicht ausgesprochen (bzw. sie werden stimmlos, aber dazu ein andermal), so dass der Wortanfang für deutsche Ohren wie scht- klingt. Den Effekt kann man bei diesem Wort, shukudai ‘Hausaufgaben’, hören – es klingt wie shkudai.

Und für alle, die gerne rätseln …

  • ライプツィヒ raiputsihi
  • ガルミッシュ=パルテンキルヒェン garumisshu-parutenkiruhen
  • ボットロプ bottoropu
  • ハノーファー hanoofaa
  • フリードリヒスハーフェン furiidorihisuhaafen
  • ベルリン berurin
  • シュヴェリーン shuveriin

Die Lösungen:

Den Rest des Beitrags lesen »


Skurrile Ortsnamen – heute: Katzenelnbogen

16. Juli 2009

Das Schplock wurde in den letzten Wochen immer wieder mit Suchabfragen wie lustige städte name (8.7.), landkarte lustige städte (6.7.), lustige städtenamen (3.7., 27.6.), lustige städtdenamen deutschlandkarte (30.6.) und lustide städte namen (28.6.) gefunden. Auch die Nachfrage nach lustigen Deutschlandkarten war enorm.

Der lustigste Ort, der mir so spontan einfällt, ist Katzenelnbogen. Fragt nicht wie, auf dem Weg zu irgendeinem Fachschaftswochenende sind wir eines Nachts dort vorbeigekommen.

Die Wikipedia bietet eine Etymologie für den Namen an, nämlich das lat. Cattimelibocus als Zusammensetzung aus Catti (einer Volksbezeichnung) und Melibocus (‘Berg, Gebirge’). Als Quelle wird Meyers Konversationslexikon angegeben, aber ich bin damit nicht so glücklich. Der erste zitierte Eintrag gibt zwar “lat. Cattimelibocus, ‘Melibokus der Katten’” in Klammern nach dem Ortsnamen an, das heißt aber noch lange nicht, dass die deutsche Bezeichnung darauf zurückgeht. Die zweite “Quelle” zeigt, dass Melibokus keinesfalls ‘Berg, Gebirge’ bedeutet, sondern vielmehr ein Eigenname ist und auch Malchen heißt: “einer der bemerkenswertesten Gipfel an der hessischen Bergstraße, am nordwestlichen Rande des Odenwaldes, östlich von Zwingenberg”. Hier seht ihr, dass der nicht gerade in der Nähe von Katzenelnbogen liegt. Auch die Information “Bei Ptolemäos bezeichnet Melibokon oros den Thüringer Wald oder den Harz rückt den Melibokus nicht näher an Katzenelnbogen heran.

Suchbild mit Katze

Suchbild mit Katze

Die zweite Etymologie, auf die die Wikipedia verweist (“Eine andere Interpretation besagt…”), stammt von der privaten Homepage von Heinrich Tischner. Die Seite ist ein Kuriosum – Herr Tischner liefert beispielsweise Übersetzungen in verschiedene Sprachen kostenlos, aber explizit nicht, wenn man sie sich dann tätowieren lassen will. Und der sprachwissenschaftliche Bereich bedient sich höchst seltsamer Termini, die Darstellung der zweiten Lautverschiebung würde ich mal als eigenwillig bezeichnen. Der Eintrag zu Katzenelnbogen sieht aber nicht so schlecht aus, leider kann ich die genannten Quellen momentan nicht überprüfen. Er kennt die Geschichte mit den Chatten auch, hält sie aber für eine gelehrte Neubildung. Nach Tischner kommt die Bezeichnung wirklich von Katze – als Synonym für etwas Kleines/Minderwertiges – und Ellenbogen – als Bezeichnung für eine Bachbiegung. Als Ernstnennung führt er Cazenelebogen (1102) an.

Alles nicht so ganz befriedigend … also dachte ich mir, ich schaue mal, was die Katzenelnbogener selbst sagen, die werden ja hoffentlich jemanden haben, der sich mit der Ortsgeschichte auskennt. Und scheint tatsächlich so: “Die wohl warscheinlichste [sic!] Deutung des Namens ist: ‘Ort an der kleinen Bachkrümmung (Dörsbach)’.” Damit steht es 2:1 für Tischner & Katzenelnbogen vs. IP 89.60.232.82. Ich würde das noch nicht als Endstand bezeichnen, aber als Tendenz.

Auf dieser Karte hier habe ich Euch Katzenelnbogen markiert, und noch ein paar andere Orte mit skurrilen oder netten Namen: Dünfus, Möchtenich, Kennfus, Erpel, Hohn, Guckheim, Ichstedt und Neuglück. Weitere Nennungen sind herzlich willkommen!


[Lesetipp] Dialektwandel im Südwesten

15. Juli 2009

Bei sciencegarden gibt es einen schönen Bericht über Dialektforschung an der Uni Freiburg (mit einem leider eher unterdurchschnittlich guten Titel). Enorm lesbar geschrieben, ich empfehle ihn wärmstens:

2009-07-15-sciencegarden