FIL SBASANDAINEN GEBUASTAK

7. April 2010

Ich war zu Ostern bei meinen Eltern und habe sie natürlich immer heimlich belauscht und mir badische Dialektphänomene aufgeschrieben. Was ich aber auch getan habe: mir meine Bildersammlung aus der Kindergartenzeit angeschaut. Weniger wegen der Bilder, als vielmehr wegen der Schrift. Und oh, was ich da für Schätze gefunden habe! Folgendes Schreiben ist auf ein halbes Jahr vor meiner Einschulung datierbar:
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Unförmige Gurken und zusammengewachsene Kirchen

28. Mai 2009
Rhein-Neckar-Zeitung, 28.5.2009

Rhein-Neckar-Zeitung, 28.5.2009

Na also! Es kann doch nicht sein, dass man jeden Morgen einen Pressespiegel erstellt und dabei nie auf bemerkenswerte Spracheigenheiten stößt! Diese hier wurde zwar im Schplock schon lang und breit besprochen, aber dass zusammengewachsene Kirchen auf dem Lebensmittelmarkt auf Ablehnung stoßen, ist durchaus eine Meldung wert:

Kopie von gurken-groß

Guten Appetit und frohe Mittagspause!


Heames kauft bei Amerzon

19. Mai 2009

Folgende Paketbenachrichtigung erwartete uns am Sonntag:

2009-05-19-amerzon

Ein genauerer Blick:

2009-05-19-amerzonklein

Amerzon? Nicht so dumm, wie man im ersten Moment vielleicht denkt. Hier haben wir einen klassischen Zusammenprall von Aussprache und Schreibung: Das vokalisierte r, in IPA: [ɐ].

Im Deutschen wird -r nach Vokal oft a-ähnlich ausgesprochen:

  • mir wird zu mia,
  • Kirche zu Kiache,
  • Uhr zu Ua.

Bedingung ist allerdings, dass der Vokal und das r zur selben Silbe gehören:

  • O-ra-to-ri-um bleibt Oratorium,
  • Ge-rüst bleibt Gerüst.

Auch die Kombination -er als Ganzes wird häufig vokalisiert:

  • Kinder zu Kinda,
  • Gärtner zu Gärtna,
  • hier zu hia.

Am Wortanfang wird nicht das ganze er- zu [ɐ], sondern nur das r:

  • Erwachsene zu Eawachsene.

Diese Aussprache führt dazu, dass besonders beim Schreibenlernen häufig ein <a> geschrieben wird, wo eigentlich ein <r> oder ein <er> stehen müsste. Irgendwo bei meinen Eltern liegt noch ein Bild, auf dem ich den “KINDAGEBUATSTAK BEI EMANUEL” dargestellt habe. Scanne ich euch bei Gelegenheit mal.

Was der Hermes-Bote hier getan hat, ist quasi das Gegenteil: Er weiß, dass er häufig ein a spricht, wo eigentlich ein <er> stehen muss und korrigiert sich entsprechend – in diesem Fall zu viel: die Hyperkorrektur hat mal wieder zugeschlagen. Wo er bei Amazon ein a spricht, steht auch eines.

Der Fehler scheint gerne gemacht zu werden, immerhin hat sich jemand die Mühe gemacht, www.amerzon.de zu registrieren. Die Seite sagt:

Bitte überprüfen Sie Ihre Schreibweise und versuchen Sie es erneut.”

(Ob der Besitzer der Seite etwas mit amazon.de zu tun hat, weiß ich nicht, bezweifle es aber. Er besitzt auch noch die Domain amanzon.de, die denselben Text bietet. Andere Leute treiben mit der Ähnlichkeit richtig Schindluder, die verlinke ich jetzt aber nicht.)

Ich habe die Schreibweise auch mal gegooglet:

Suche dvd von der bundeslade dokumentation bitte nicht von amerzon?” (Quelle)

Eine andere Frage bei BOD heist es in der Hilfe nach der Freigabe dauert es 14 Tage bis es bei Amerzon erscheint, nun die Freigabe ist 9 Tage her und es ist noch nicht mal auf der HP von BOD?? Ist das normal?” (Quelle)

Gerade bei Amerzon geschaut 19,95 €” (Quelle)

So bat Werner M. HELP um Hilfe, doch auch uns gegenüber betonte Amerzon, dass das Buch über den Amazon-Marketplace gekauft wurde.” (Quelle)

Überraschend daran finde ich, dass der Fehler gemacht wird, obwohl Amazon ein Name ist, den man ja in erster Linie aus einem schriftlichen Medium kennt.

Und damit melde ich mich für den Rest der Woche ab, um auf die StuTS zu fahren – vielleicht sehen wir uns da ja?


Ethymo- und Etnologie

12. März 2009

Heute hat jemand das Schplock mit dem Suchbegriff “ethymologisch” gefunden (der Suchmaschinen-Rechtschreib-Korrektur sei Dank!) – auch ein Fall von Hyperkorrektur: Weil wir bei Fremdwörtern aus dem Griechischen dauernd irgendwelche <th>s schreiben, wird das auch manchmal in Fällen gemacht, bei denen das <t> der Buchstabe der Wahl wäre. (Schnell gegooglet: 271.000 Treffer für Ethymologie mit <th>, 289.000 mit <t> – *puh* Das war knapp!)

Wie kommt es, dass zwei Wörter, die aus derselben Sprache entlehnt wurden und an der entscheidenden Stelle gleich klingen, verschieden geschrieben werden?

Die Etymologie von Etymologie

Kluge verweist für Etymologie auf altgriech. etymologia ‘Lehre vom Wahren’, das über das Lateinische ins Deutsche entlehnt wurde.

Ethnologie hingegen geht auf altgriech. éthnos ‘Volk, Schar’ zurück.

Tau vs. Theta

Was wir in lateinischen Buchstaben als <t> und <th> schreiben, sind im Griechischen zwei verschiedene Buchstaben: τ (Tau) und θ (Theta). Und auch zwei verschiedene Laute:

  • τ (Tau) klang im Altgriechischen wie unser heutiges [t] in trinken,
  • θ (Theta) klang wie unser heutiges [] in taufen.

Bei der Schreibung von Wörtern mit diesen Buchstaben orientieren wir uns an der lateinischen Umschrift der Römer (die auch meistens zwischengeschaltet waren, d.h. viele griechische Wörter wurden aus dem Lateinischen entlehnt, nicht direkt aus dem Griechischen) – und die Römer nahmen für das Theta die Kombination <th>.

Was ist der Unterschied?

[] ist ein sogenanntes “aspiriertes T”. Das bedeutet, dass nach dem eigentlichen [t] noch ein kleiner Luftschwall folgt. Wir hören den Unterschied im Deutschen i.d.R. nicht, weil er nicht bedeutungsunterscheidend ist – das aspirierte T wird meist gesprochen, wenn es am Wortanfang steht und danach ein Vokal folgt, sonst kommt das “normale”. (Leider habe ich im Netz keine Audioaufnahme gefunden. Aber wenn man sich beim Sprechen genau zuhört und vielleicht ein Blatt Papier vor den Mund hält – das bewegt sich bei aspirierten Lauten –, kann man den Unterschied schon bemerken.)

Das ist in anderen Sprachen anders – z.B. im Altgriechischen.1 Dort sind [] und [t] so verschieden wie [t] und [d] im Deutschen.

Woher kommt’s?

Jetzt wird es vage, wie das so ist, wenn man sich jenseits schriftlicher Quellen tummelt. Griechisch ist ja eine indogermanische Sprache, wie das Deutsche auch, d.h. letztlich müssen diese Konsonanten auf dieselben “Urkonsonanten” zurückgehen.

Für das Indogermanische setzt man folgende Plosive2 an:3

  • p, t, k (“Tenues”)
  • bʰ, dʰ, gʰ (“aspirierte Medien”)
  • b, d, g (“Medien”)

Das altgriechische geht wohl auf das idg. dʰ zurück – die aspirierten Medien wurden nämlich zu aspirierten Tenues, also stimmlos: idg. dʰ > protogriech. .

Die deutsche Entsprechung hat folgende Entwicklung mitgemacht: idg. dʰ > germ. ð (klingt wie engl. <th> in that) > westgerm. d > althochdt. t.4 Das griech. θύρα und das deutsche Tür sind z.B. miteinander verwandt. (Indogerm. hieß es *dʰwer-.)

Mit dem geschriebenen <h> nach dem <t> kann das Deutsche also einfach nichts mehr anfangen – für Aspiration gibt es ja Regeln: Ethnologie ist im Deutschen z.B. nicht aspiriert (weil das T nicht am Wortanfang vor Vokal steht), die altgriech. Aussprache wird nicht berücksichtigt.

Das <th> in der Orthografie

Dass wir das <th> weiterhin fleissig schreiben, liegt daran, dass es in der deutschen Rechtschreibung kein starkes Prinzip zur Eingliederung von Fremdwörtern gibt. Im anderen Sprachen wird auf die Originalschreibung wenig Rücksicht genommen – Orthographie heißt im Spanischen z.B. ortografía, Ethnologie ist etnología. Das Deutsche scheut sich vor so etwas. Dazu schreibe ich vielleicht mal mehr.

Es gab einst ein <th> auch in Wörtern deutschen Ursprungs wie Thal, Thür, thun, Noth. Das <h> in solchen Wörtern wird im Grimmschen Wörterbuch als Dehnungszeichnen interpretiert: “[...] wobei h vor oder nach langem oder gedehntem vocal nur ein dehnungszeichen ist.”

Das “deutsche” <th> wurde bei der II. Orthographischen Konferenz in Berlin 1901 abgeschafft, das Fremdwort-<th> wurde ausdrücklich belassen.

Auch <ph> geht übrigens auf ein pʰ zurück, und das <ch> in Wörtern griechischen Ursprungs auf kʰ. Dass <ph> im Deutschen als [f] ausgesprochen wird (wie im modernen Griechischen übrigens auch), kann ich nicht so gut erklären, es könnte etwas mit dem Lateinischen als Zwischenschritt zu tun haben. Da werde ich aber noch nachforschen.

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Ach, ich und die Kirschen (Teil 3)

6. März 2009

Teil 1 | Teil 2 | Teil 3

“… als sie etwa am Kirchgarten von den Tätern bedrängt wurden.”

kirschgarten

Ein Überfall beim Kirchgarten? Wie kann das sein? Eine eilige Suche im Mainzer Straßenverzeichnis bestätigt den schlimmen Verdacht: Es gibt keine Mainzer Straße namens Kirchgarten. Was es aber durchaus gibt, ist ein Kirschgarten. Also einfach ein Tippfehler? Vielleicht. Aber vielleicht auch der Auftakt zum nächsten Kapitel des isch-Lauts: der Hyperkorrektur.

[ʃ]-Verbot in der Standardsprache?

In Teil 2 wurde ja klar, dass im mitteldeutschen Raum zwei Laute, nämlich [ç] und [ʃ], zu einem werden. Wer die Umgangssprache muttersprachlich erlernt, in der das passiert ist, der kennt nur [ʃ]. Das stört erstmal keinen großen Geist, bis … ja, bis man Standarddeutsch sprechen will.

Dann aber steht man vor einem enormen Problem: Wie soll man die Wörter mit dem ich-Sch von den Wörtern unterscheiden, die sowieso schon ein <sch> haben? Woher soll man wissen, welche der drei <sch>s in Tscheschisch vom ich-Laut kommen und welche nicht?

schema-ch-schZum Zeitpunkt B ist es unmöglich, einem Wort anzusehen, ob es ursprünglich (und hochsprachlich jetzt noch) [ç] oder [ʃ] hat(te). Man lernt ja nicht zu jedem Laut seine Entstehungsgeschichte dazu.

Was tun? Raten!

Da man weiß, dass [ʃ] in vielen Fällen falsch ist, versucht man, das fremde [ç] einzusetzen. Oft auch dann, wenn die Standardaussprache eigentlich [ʃ] hat. Und was kommt raus? Genau: Tchechich. Oder, wie bei Helmut Kohls Pfälzisch: Gechichte.

Dieses Phänomen nennt man “Hyperkorrektur”: Man korrigiert etwas, das gar nicht falsch war – in meinem Beispiel das erste und das letzte <sch> von Tschechisch. Meist passiert das, wenn man in seiner Muttersprache oder in seinem Heimatdialekt eine Unterscheidung nicht kennt, die die Zielsprache besitzt. Im Hochdeutschen unterscheiden sich [ʃ], [ç] und [x] lautlich, in den betroffenen mitteldeutschen Umgangssprachen nur [ʃ] und [x].

Von der Kirsche zur Kirche

kirschen

Was hat das nun mit dem Überfall am 19.1. zu tun? Genau: Es könnte sein, dass die Person, die den Bericht geschrieben hat, Rheinhessisch spricht und deshalb Kirschgarten in Kirchgarten “korrigiert” hat. Weil Kirchgarten nicht so offensichtlich falsch ist und die Schreibung ganz normal aussieht, ist es dann wohl so geblieben.

In Fällen, in denen es das Wort mit <ch> nicht gibt, fällt es schneller auf, denn schriftsprachlich lernt man ja, wo <ch> und wo <sch> geschrieben wird.

Herrgen (1986) hat aber auch viele Beispiele, wo <ch> geschrieben wurde, obwohl es kein anderes Wort im Hochdeutschen gibt, das ein <ch> hat – meist in Schulaufsätzen: Deutchunterricht, Bichof, Sparchwein.

Im Internet spricht man Tchechich!

Ein bißchen Googlen zeigt, dass die [ʃ]-Hyperkorrektur auch bei Erwachsenen öfter geschrieben wird, als man denkt. Zur Sicherheit habe ich Tchechich gesucht – wenn’s zweimal in einem Wort vorkommt, kann es kaum mehr Zufall sein:

  • —-Sprache
    ——-Deutsch
    ——-Italienisch
    ——-Spanisch
    ——-Niederländisch
    ——-Dänisch
    ——-Polnisch
    ——-Tchechich
    ——-Portogisisch
    ——-Enlisch
    ——-Französich
    (Quelle)
  • Nur leider konnt man hier auf Grund fehlender Tchechich-Kenntnisse nicht wie bisher mitgröhlen. (Quelle – es ist konsequent!)
  • Gibt bestimmt auch Pendelbusse, aber wer spricht schon Tchechich? (Quelle)
  • Dieses formular (auf Tchechich) werde ich bei jeder fahrt bei mir haben, wenn ich kontroliert werde zeige ich es vor und die polizei wird daraufhin nicht weiter nachforschen. (Quelle)

Warum heißt der Kirschgarten Kirschgarten?

2009-03-06-kirschgarten

Ganz am Anfang meiner Nachforschungen hatte ich mal die wilde These, dass der Straßenname Kirschgarten vielleicht eine Verschriftung der regionalen Aussprachevariante mit [ʃ] gewesen sein könnte, und vielleicht doch eine Kirche in der Nähe namensgebend war. Nachdem im letzten Teil ja klar wurde, dass die [ʃ]-Geschichte relativ neu ist, geht das natürlich nicht mehr – der Straßenname ist ja viel älter als das Phänomen. Er hat also tatsächlich etwas mit Kirschen zu tun.

Die Stadt Mainz gibt auf ihrer Internetseite folgende Erklärung:

Der Ort wurde bereits 1329 als „im Kirschgarten” bezeichnet. Der Name rührt von der Kirschbornquelle her, die am Rochushospital (Rochusstraße 9), entspringt.

Skeptisch wie ich bin, habe ich eine Frau gefragt, die es wissen muss: Rita Heuser hat ein gigantisches Buch zu Mainzer Straßennamen geschrieben. Und sie schreibt zur Erklärung der Mainzer Seite:

[I]ch denke es war umgekehrt: die Quelle hat den Namen von dem ehemaligen Flurnamen Kirschgarten (erste Erwähnung: ortum nostrum in Maguntia dicitur kirsgarte 1267; Kirsborn 1402).

Die ältere Form kirsgarte hat einen Lautwandel mitgemacht, bei dem s nach r zu [ʃ] wurde, daher heute Kirschgarten (ein anderes Beispiel für den Lautwandel ist Hirsch).

Chon Chluss?

Ja. Hier endet das Verwirrspiel von ich und isch. Ich hoffe, es hat Spaß gemacht!


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