[Buchtipp] Heike Wiese: Kiezdeutsch. Ein neuer Dialekt entsteht

27. März 2012

Heute will ich euch  Heike Wieses »Kiezdeutsch. Ein neuer Dialekt entsteht« empfehlen. Viele von euch werden in den letzten Wochen in den Medien etwas zum Thema aufgeschnappt haben – im Rahmen der Buchpublikation wurde Frau Wiese oft interviewt und rezensiert. Sie forscht und schreibt  nämlich über ein Thema, bei dem die Emotionen hochkochen und manchen beim Geifern der Schaum aus dem Mund schlägt: Über eine sprachliche Varietät, die sie Kiezdeutsch nennt.

Kiezdeutsch ist eine Jugendsprache, die sich in multiethnischen Wohnvierteln besonders in Berlin, also z.B. Kreuzberg und Neukölln, herausgebildet hat. Von anderen Jugendsprachen unterscheidet sie sich dadurch, dass sehr viele der SprecherInnen zwei- oder mehrsprachig aufwachsen – aber nicht alle: Den Rest des Beitrags lesen »


[Lesetipp] Der Geschichtenerzähler

12. Oktober 2010

Dass Mario Vargas Llosa den Literaturnobelpreis gewonnen hat, erinnert mich prompt an meine Semester in der Komparatistik. Ich denke das Seminar hieß “Interkulturelles Erzählen”, ich hielt dort mein erstes und (hoffentlich mit viel Abstand) grauenhaftestes Unireferat und ein Buch ist mir sehr, sehr eindrücklich in Erinnerung geblieben: “Der Geschichtenerzähler” (span. “El Hablador”) von obgenanntem Llosa. Die Erzählung spielt in Peru, ganz besonders im Regenwald bei den Machiguenga und am besten man verrät vorher so gut wie gar nichts drüber. Der Schplock-Bezug? Das SIL kommt am Rande vor. (Eher unschmeichelhaft, wenn ich mich recht entsinne.)

Ich werde diese Erinnerung zum Anlass nehmen, das Buch endlich mal wieder zu lesen – will noch jemand? Dann würd ich gleich zwei Exemplare bestellen.


Warhafftige Beschreibung …

27. September 2010

Letzte Woche bin ich auf einen großartigen Buchtitel gestoßen und habe gemerkt, dass Twitter und Facebookstatus zu klein dafür sind … daher also hier:

Warhafftige
Beschreibung
Von denen Drey wilden
Hunden
Welche sich
unweit Leipzig in der gegend Dölitzsch/Brena/
Bitterfeld/Kühne und Schenckenbergk/im Jahr 1710.
vom Monat Augusto biß zum Ende des Novembr. sehen las=
sen/und was sie vor grossen Schaden an
Schaff=Vieh gethan/
Auch wie einer im Dorff Rhödigen/so in die Gerichte
des Herrn Cammer=Herrn von Miltitz und in das Schen=
ckenbergische Kirch=Spiel gehörig/den 29. Nov. mit Ge=
walt getödtet worden.
Nach glaubwürdiger Nachricht von obbemelden Orthen
selbst eingeholt und nebst
gelehrten Anmerckungen
Ob Menschen sich in solche Hunde verwandeln können?
oder es nur in der Phantasie bestehe? ob dieses tolle oder wilde Hun=
de gewesen? woher solche wilde Hunde kommen? und ob sie aus ei=
ner Antipathie gegen die Schaffe solchen Schaden gethan?

Erschienen in Leipzig 1711. Hier kann man sich ein Foto davon anschauen. Oder es gleich für 850 Euro kaufen

Ganz ehrlich? Für diese Verwendung von Antipathie lohnt es sich wahrscheinlich schon.

Und damit der linguistische Touch erhalten bleibt: Laut Kluge haben wir das Wort aus dem Lateinischen (antipathîa), was wiederum von griechisch antipátheia kommt. Das ist eine Abstraktbildung zu antipathes ‘entgegengesetzt fühlend’, in dem páthos, die ‘Gemütsbewegung’ drinsteckt. Wir haben’s seit dem 16./17. Jahrhundert.


Lilliput “Badisch”?

8. August 2010

Ich habe mir kürzlich das Lilliput-Wörterbuch Badisch gekauft – weil’s an der Kasse stand. (Nein, bei Schokoriegeln falle ich nicht drauf rein.) Und ich bin wider Erwarten recht zufrieden damit. Natürlich hat es wenig praktischen Nutzen, aber es ist ganz lustig und scheint mir ordentlich gemacht. Die Einträge richten sich nach dem Karlsruher Dialekt und werden gelegentlich durch kleine Infoboxen vervollständigt.

Solche Spaßprojekte listen ja meist eine Vielzahl von Wörtern auf, die maximal scherzhaft, meist aber gar nicht benutzt werden. Das Badisch-Wörterbuch hält sich damit angenehm zurück. Es gibt zwar gelegentlich welche (z.B. Droddwarbelaaidiger ‘Trottoirbeleidiger’ für ‘große Schuhe’) , aber die meisten Einträge sind wirklich brauchbar.

Die Texte der Infoboxen sind meist klug geschrieben – hier sei stellvertretend der Eintrag Debbich ‘Teppich, Decke’ zitiert (zum selben Thema beim Schplock):

Im Badischen hat man in seinem Bett einen Debbich, um sich damit zuzudecken. Auch ins Schwimmbad nimmt man einen Debbich als Liegedecke mit. Und wenn ein richtiger Fußbodenteppich schmutzig ist, dann bearbeitet man ihn mit einem Debbichbaddscher, einem Teppichklopfer.

Was ich etwas problematisch finde: Das Wörterbuch erhebt im Titel den Anspruch, für das “Badische” zu gelten – das ist aber kein einheitlicher Dialekt. Man benutzt die Bezeichnung für alle Dialekte des früheren Lands Baden, eine Sammelbezeichnung also.

Das Büchlein gibt das zwar freimütig zu, aber ein bißchen geschummelt wirkt es doch: Eigentlich ist es nur ein südfränkisches Wörterbuch – deckt also den Bereich ab, der hier pink ist: Den Rest des Beitrags lesen »


[Buchtipp] The Unfolding of Language (Du Jane, ich Goethe)

1. September 2009

Language is mankind’s greatest invention – except, of course, that it was never invented. (Guy Deutscher)

Schon wieder ein Buchtipp! Ui! Heute will ich Euch “The Unfolding of Language” von Guy Deutscher ans Herz legen. Ich hab’s auf Englisch gelesen, es gibt aber auch eine deutsche Übersetzung: “Du Jane, ich Goethe”. Keine Angst, der Inhalt wurde bedeutend besser übersetzt als der Titel befürchten lässt, ich hab mal in der Buchhandlung reingelesen.

The Unfolding of Language

The Unfolding of Language

Worum geht es? Darum, wie Sprache entsteht und sich verändert. Deutscher hat als großes Ziel vor Augen zu erklären, wie komplizierte Satzstrukturen und Grammatik entstanden sein könnten. Da die Entstehung der Sprache viel zu lange her ist, um darüber irgendwelche Aussagen zu treffen, wählt Deutscher “neuere” Beispiele aus ganz verschiedenen Sprachen, nur wenige Jahrhunderte oder Jahrtausende alt. Die allgemeinen Prinzipien, die darin wirken, vermutet er auch schon zu früheren Zeiten. Der unter Laien verbreiteten Ansicht, dass unsere Sprache einmal perfekt war und jetzt nur noch verfällt, widerspricht er entschieden.

Das Buch kommt komplett ohne Fachtermini aus – und ist dennoch wissenschaftlich fundiert. (Grammatikalisierung, Analogiebildung und Ökonomie spielen z.B. eine große Rolle.) Ich hatte eine Menge Spaß beim Lesen, und das, obwohl ich die meisten präsentierten Fakten und Gedanken schon kannte – es ist einfach richtig gut geschrieben und clever aufgebaut. Mein persönliches Highlight war die Theorie zur Entstehung der Wurzelkonsonanten im Arabischen, ein Thema, über das ich mir noch nie Gedanken gemacht hatte.

Deutschen würde ich übrigens eher zur deutschen Ausgabe raten, die keine bloße Übersetzung ist. Viele Grundlagen werden nämlich im Original an kleinen Beispielen aus dem Englischen erklärt. Für die deutsche Übersetzung wurde, wo es möglich war, nach deutschen Beispielen gesucht, die das gleiche zeigen. So geht es zum Beispiel einmal darum, dass im Englischen die Entwicklung von th zu f eigentlich ganz naheliegend ist und auch in einigen Dialekten vorkommt. Den Laut th gibt es im Deutschen aber nicht, so dass schließlich p zu b gewählt wurde, etwas, das man z.B. im Hessischen beobachten kann.

Wer sich für Sprache und Sprachen interessiert, dem kann ich das Buch wirklich nur empfehlen!


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