Snack su Silvester: Seeunkraut

29. Dezember 2008

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Ein schöner Fall, der zeigt, dass bei zusammengesetzen Wörtern (Komposita) die Teilbedeutungen nicht automatisch die Gesamtbedeutung ergeben – und dass man entsprechend ganz schön danebenliegen kann, wenn man die Einzelbestandteile wörtlich übersetzt:

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Manchmal wurden solche wörtlichen Übersetzungen übrigens zu „richtigen“ deutschen Wörtern – allerdings meistens nur, wenn es entweder noch kein deutsches Wort dafür gab, oder das Wort aus irgendeinem Grund als inadäquat empfunden wurde.
So etwas nennt man dann Lehnübersetzung: Hellseher (frz. clairvoyant), Einkaufszentrum (engl. shopping center), allmächtig (lat. omnipotens).


[Weihnachten] Die Christmette und Xmas

27. Dezember 2008

Dieser Artikel ist ins neue Sprachlog umgezogen und ab sofort hier zu finden!


[Buchtipp] Täuschende Wörter

25. Dezember 2008

2008-12-25-olschanskySchon lange mal wollte ich Euch Heike Olschanskys Buch “Täuschende Wörter”1 ans Herz legen. So lange schon, dass ich grade ein sehr intensives déjà-écrit-Erlebnis habe. Naja, hier auf jeden Fall nicht.
Das Buch ist ein Mini-Lexikon für Volksetymologien.

Eine Etymologie ist die Geschichte eines Wortes – woher es kommt und wie es sich im Lauf der Zeit verändert hat, lautlich und semantisch (also von der Bedeutung her).
Wenn man z.B. das heutige Wort Marschall nimmt und es zurückverfolgt, kommt man bei althochdeutsch marascalc raus, ‘Pferdeknecht’ (mar ‘Pferd’, scalc ‘Diener’ – da kommt übrigens auch der Gottschalk her!).
Wenn verschiedene Wörter auf einen gemeinsamen Stamm zurückgeführt werden können, so bezeichnet man sie als etymologisch verwandt und kann damit im Tutorium Angst und Schrecken verbreiten. (Etymologisch verwandt ist z.B. schneiden mit Schnitt oder frieren mit Frost.)
Für Etymologien gibt es etymologische Wörterbücher – für’s Deutsche z.B. den “Kluge”.2

Eine Volksetymologie kommt dann zustande, wenn ein Wort fälschlicherweise mit Wörtern zusammengebracht wird, mit denen es gar nichts zu tun hat. Klassisches Beispiel sind der Maulwurf und der Tollpatsch, daher lieber was anderes:

schmetterling1

Der Schmetterling hat nichts mit schmettern zu tun sondern kommt wahrscheinlich von Schmettenling (ostmitteldeutsch), dessen erster Bestandteil wohl von Tschechisch smetana ‘Milchrahm’ herrührt3. Das hat dann seine Ursache darin, dass im Volksglauben Schmetterlinge oft mit Milchprodukten in Verbindung gebracht wurden – Olschansky führt an, dass sie sich angeblich gerne auf Milchgefäße setzen oder dass Hexen sich in Schmetterlinge verwandelten, um Milch und Rahm zu stehlen. Was lustigerweise auch am engl. butterfly zu sehen ist.

Weitere Erklärungen gibt’s im angepriesenen Buch, unter anderen für die Wörter Affenschande, Armbrust, Beispiel, Braten, Eichhörnchen, Eisvogel, Friedhof, …
Außerdem gibt es ein Kapitel zu Volksetymologien in anderen Sprachen und in Eigennamen und ein wunderbares Mini-Glossar von vier Seiten, das alle verwendeten Fachbegriffe auch für Laien verständlich macht.

Natürlich sind viele der Volksetymologien auch in einem normalen etymologischen Wörterbuch erklärt, aber dazu muss man sie alle erst einmal finden. Und Olschansky schreibt so angenehm lesbar und gleichzeitig ernsthaft wissenschaftlich (sie gibt z.B. alle bekannten Formen in älteren Sprachstufen an, manchmal sogar bis ins Indogermanische zurück), dass es eine Freude ist.
Also: Lesen!

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Wejnachten bei der Sprachfamilie

23. Dezember 2008

André, einer der treuen Leizpiger StuTS-Besucher, hat uns in Münster mit einem wunderbaren Sketch unterhalten, den Ihr, wenn Ihr ihn schon nicht hören könnt, einfach lesen müsst:

André: Griechisch noch ein Stück Kuchen?
Lennart: Von dem Mandarin-Kuchen hier?
André: Nee, dänisch, lieber die Sakha-Torte.
Lennart: So… bitteschön. Reicht das, oder darf’s noch ewenkisch mehr sein?
André: Nee nee, das ist ginukh.
Johannes: Aber ich will auch noch was. Estnisch alles auf!

-> und hier geht es dann weiter!


[Weihnachten] Wie schon die Alten sungen …

23. Dezember 2008

Heute geht es um ein Lied, dessen Text 1587/88 in Mainz geschrieben wurde: „Es ist ein Ros entsprungen“. Leider ist das, was ich aus sprachwissenschaftlicher Sicht dazu zu sagen habe, nicht besonders kreativ – Frau N. hat die Stelle sogar schon für einen Aufsatztitel benutzt.1
Aber wer noch keine Einführung in die historische Sprachwissenschaft des Deutschen hinter sich hat, wird sich vielleicht dennoch dran freuen.

Erstmal der Text der ersten Strophe:

Es ist ein Ros entsprungen aus einer Wurzel zart,
wie uns die Alten sungen, von Jesse kam die Art,
und hat ein Blümlein bracht
mitten im kalten Winter, wohl zu der halben Nacht.

Und dann eine kurze Inhaltsangabe, für die AtheistInnen unter uns:
Mitten im Winter und mitten in der Nacht erblühte eine Rose (bzw. , nach der Gotteslob-Interpretation, ein ganzer Rosenstock), und zwar so, wie es im Alten Testament steht (=“die Alten sungen“), wo es Jesaja (=“Jesse“) vorhergesagt hat. (Natürlich hat er die Geburt des Messias vorhergesagt, nicht die einer Rose, aber so isses halt mit den Metaphern …)

Und jetzt der vergnügliche Teil des Abends. Es geht um diese Stelle:

(1) … wie uns die Alten sungen, …

Warum nicht „wie uns die Alten (vor)sangen“? Weil es sich dann nicht mehr auf „entsprungen“ reimt? Wohl kaum … und hiermit kommen wir zum Phänomen der vielgefürchteten Ablautreihen.
Wenn wir uns die heutigen Verben des Deutschen anschauen, so kann man sie (quasi) alle in zwei Gruppen teilen: Schwache Verben vs. Starke Verben.
Zu welcher Gruppe ein Verb gehört, erkennt man an seinen Vergangenheitsformen, und zwar am Präteritum (sagte, dachte, schlug, ging) und am Partizip II (gesagt, gedacht, geschlagen, gegangen).

Die schwachen Verben sind die, die einfach ein –te für’s Präteritum anhängen (sag-te) und für das Partizip II den Stamm mit ge-…-t umgeben (ge-sag-t). Das ist sehr einfach, deshalb machen wir das mit den allermeisten Verben. Auch mit neuen Verben, die wir z.B. aus dem Englischen entlehnen (downloadete, gedownloadet/downgeloaded).

Viel älter und komplizierter sind hingegen die starken Verben, die, wenn sie Vergangenheit ausdrücken wollen, ihren Stammvokal ändern: werfenwarfge-worf-en (das Partizip II hat zusätzlich noch das ge-…-en außenrum.)
Verben, die wir neu ins Deutsche entlehnen, funktionieren nie nach diesem Prinzip2 – nur die richtig alten Verben haben diesen Vokalwechsel zwischen den verschiedenen Zeitformen. Den man Ablaut nennt. (Es gibt sogar Verben aus dieser Gruppe, die zu den schwachen Verben entfliehen – z.B. bellen, dessen Präteritum mal boll war. Oder melken, bei dem momentan der molk-melkte-Kampf tobt.)

Heute unterscheiden wir bei den starken Verben ja drei Formen: Präsens, Präteritum und Partizip II. Das Maximum an Unterschied ist, wenn jede der drei Formen einen anderen Vokal hat, wie bei werfen. Manchmal sind’s auch nur zwei verschiedene, z.B. bei schlagen. Aber niiiiiie sind es vier verschiedene.

Vor langer, langer Zeit (im Alt- und Mittelhochdeutschen, und sogar noch vorher) gab es aber nicht drei unterschiedliche Formen, sondern vier:
a) Präsens: werfan ‚werfen‘
b) Präteritum Singular: warf ‚warf‘
c) Präteritum Plural: wurfun ‚warfen‘
d) Partizip II: giworfan ‚geworfen‘
Es kam also drauf an, ob ein Verb im Präteritum Singular (also der Einzahl) oder im Plural (also der Mehrzahl) benutzt wurde. Man sagte also so etwas wie *der alto sang (weil’s ja nur einer ist) aaaaaber: *diu alton sungun (weil’s mehrere sind).

Im Frühneuhochdeutschen (also ab ca. 1350) begann das System zusammenzubrechen. Von den beiden Vokalen im Präteritum setzte sich jeweils einer durch, bei werfen z.B. war es das a aus dem Singular (warf, wurfun > warf, warfen), bei reiten war es das i aus dem Plural (reit, ritun > ritt, ritten). Es gab also bei jedem Verb nur noch einen Vokal insgesamt für das Präteritum, keine zwei mehr. Was ja auch irgendwie praktisch ist, weil die Information über das Präteritum jetzt klarer zu erkennen ist – nicht mehr entweder Vokal 1 oder Vokal 2 zeigt, je nach Person, Präteritum an, sondern nur noch ein einziger.
Diese Entwicklung nennt man den Präteritalen Numerusausgleich, aber das nur für diejenigen unter Euch, die damit angeben wollen.

Wäre also alles mit rechten Dingen zugegangen, müssten wir heute von den Alten singen, die sangen – aber dann würde es sich ja nicht mehr reimen. Und außerdem haben alte Lieder meist eine gewisse Narrenfreiheit.

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