Von der sluntrœr und der äffinn

Heute will ich ein ganz altes Buch vorstellen: Das Buch der Natur. Konrad von Megenberg beantwortet alle Fragen, die die Menschen im Mittelalter quälten, häufig mithilfe zuverlässiger Autoritäten wie Plinius oder Aristoteles. Darunter zum Beispiel:

Wie sieht es bei Tieren mit der Vermehrung aus?

  • diu kränchinn stêt, wenne si der kranch vogelt.
  • diu äffinn hât ain ding sam ain weip und der aff ainz sam ain hunt.
  • die störch tœtent iriu weip, diu êbrecherinn sint und sich niht gereinget habent in den wazzern nâch irr pôshait.

Warum bekommt man graue Haare?

daz hâr grâwet von der kelten des hirns, wenne diu nâtürleich hitz sô krank wirt, daz si des hirns kelten nicht mag gesenftigen, ez sei von alter oder von sorgen oder von unfuor.

Und warum werden Männer kahl, Frauen aber nicht?

dar umb auch werdent die haizen man kal wenne si unkäusch pflegent, aber die frawen kalwent niht, dâ von daz si kelterr nâtûr sint wan die man.

Wozu braucht man Augenbrauen?

Die augenprâwe sint den augen nôtdürftig, dar umb, wenn daz tier slâf, daz kain auzwendigz dinch in daz aug valle.

Was ist ein Echo?

Die stimm sint zwaierlai: aineu ist hinlaufend, diu ander herwiderlaufend. diu hinlaufend ist die von dem gestimten tier gêt hindan; diu widerlaufend die haizet ze latein echo, und geschiht wenn der gestimt luft sich widerstôzt an paumen oder an häusern, die in ainem tal derhœht sint und sô gelegen sint, daz si den gestimten luft ze samen haltent, daz er under der stimm form belei\ben muoz.

Wozu ist eine Speiseröhre gut?

Diu sluntrœr haizt ze latein ysophagus oder mery und ligt hinden gegen dem hals. die rœrn haizt Aristo\tiles des magen munt, dar umb, daz si rüert unz an der zungen ursprunch und nimt daz ezzen und daz trinken und tregt ez in den magen, daz ez diu nâtûr kocht und beraitt, daz ez nütz allen gelidern.

Und wie war das mit der ausgleichenden Gerechtigkeit?

ez gêt auch daz kindel in die werlt des êrsten mit dem haupt. aber ez gêt wider auz der werlt des êrsten mit den füezen, wan man kêrt im die füez für, sô man ez ze grab tregt.

Das Buch ist ein wahrer Schatz, und ich habe den Eindruck, dass man auch ein bißchen was davon verstehen kann, wenn man keine Ahnung von Mittelhochdeutsch hat.

Ein paar Hinweise zur Schreibung:

  • <p> ist oft das heutige <b> – pôshait ‚Bosheit‘, prâwe ‚Braue‘, paumen ‚Bäumen‘
  • <z> kann für heutiges <s> stehen – daz ‚dass‘, muoz ‚muss‘, füezen ‚Füßen‘, ezzen ‚essen‘
  • <e> kann für unser heutiges <ä> stehen – tregt ‚trägt‘
  • <v> steht oft für heutiges <f> – valle ‚falle‘
  • Der Zirkumflex zeigt an, dass ein Vokal lang ist.

Oh, und noch ein Disclaimer, nicht dass ich mich Verstorbenen gegenüber politisch inkorrekt verhalte: Ich weiß, dass Konrad das nicht komisch gemeint hat und ernstzunehmendes Wissen zusammengetragen hat. Die verflossenen Jahrhunderte haben allerdings einen gewissen Lustigkeitsfaktor ins Spiel gebracht.

2 Antworten zu Von der sluntrœr und der äffinn

  1. misterbernie sagt:

    *durch das Blogarchiv streif*

    Interessante Lektüre… und der 12jährige in mir kichert darüber, dass ‚vögeln‘ anscheinend einen solch altehrwürdigen Stammbaum hat.