Osnabrück, nicht Bar Celona: DGfS-Jahrestagung 2009

Diese Woche war ich auf der Jahrestagung der DGfS in Osnabrück (übrigens die Hauptstadt des schlechten Wortwitzes) und habe viele, viele Vorträge gehört, viele berühmte und weniger berühmte Menschen gesehen und wenig geschlafen. Es war ein Riesenspaß!

Ich habe natürlich unglaublich viele spannende Dinge gelernt, aber leider eignen sich immer nur Splitter davon für ein Blog – meine persönlichen Highlights waren die Plenumsvorträge von Marianne Mithun und Adele Goldberg, die sich aber nicht gut zerschnipseln lassen.

Hier also meine DGfS-Nachlese:

AG 1: Formen und Funktionen von Satzverknüpfungen

Ferraresi/Weiß – Und-(?!)Nebensätze

Mit und konnte in mittel- und frühneuhochdeutscher Zeit nicht nur Koordination ausgedrückt werden, sondern auch Subordination:

(1) alse lieb und ich dir bin ‘so lieb wie ich dir bin’ (modal-vergleichend)

(2) zuvor und er zu morgen eszbevor er frühstücke’ (temporal)

(3) ergetzet sie der leide unt ir ir habet getân ‘entschädigt sie für das Leid, das ihr ihr angetan habt’ (relativisch)

AG 5: Formen des Ausdrucks von Höflichkeit/ Respekt im Gespräch

Hentschel – Alle Menschen werden Brüder

Im Serbischen kann man (wie in vielen Sprachen) Verwandtschaftsbezeichnungen auch für Nicht-Verwandte benutzen. Dabei benutzt man sine ‚Sohn‘ sowohl für junge Frauen als auch für junge Männer. Die Bezeichnung für ‚Tochter‘ kann gar nicht verwendet werden. Wahrscheinlich hat es damit zu tun, dass die männliche Form als positiver wahrgenommen wird.
Im Chinesischen haben die Bezeichnungen für großer Bruder und kleine Schwester teilweise die Bedeutungen ‘Bandenchef’ und ‘Prostituierte’ bekommen, wo sie nicht auf wirkliche Geschwister referieren.

Haase – Referentenhonorifikation zwischen Grammatik und Lexikon

Im Baskischen gibt es eine Markierung für Vertrautheit/Familiarität (im Gegensatz zu den meisten Sprachen, die Höflichkeit/Distanz/Respekt markieren) – dabei wird extrem viel palatalisiert und es werden Elemente in Verben eingeschoben, die z.B. die Transitivität verändern (das nennt man Allokutiv). Diese Art zu sprechen wird meist nur gegenüber Familienangehörigen (aber nicht den Eltern), kleinen Kindern oder Tieren verwendet. Weil sie auf so einen engen Kreis beschränkt ist, hat sie eine sehr hohe Varianz – jede Familie entwickelt ihre eigene Version.

Simon – Zur Grammatik der indirekten Anrede im Afrikaans und im älteren Deutsch

Im Afrikaans gibt es bestimmte Bezeichnungen (Verwandtschafts- und Beruftsbezeichnungen), die man für die Anrede benutzt, um höflich zu sein. Dabei werden diese Formen nicht nur einmal zur Anrede gebraucht (wie “Herr Pfarrer, …”), sondern auch an Stellen, wo andere Sprachen ein Reflexiv- oder ein Possessivpronomen gebrauchen würden. Wenn man im Afrikaans über jemanden spricht, sagt man z.B.

(1) Dominee skeer hom. ‘Der Pfarrer rasiert sich

bei höflicher Anrede wird es aber zu

(2) Dominee skeer Dominee ‘Herr Pfarrer, Sie rasieren sich (wörtl.: Herr Pfarrer rasieren Herrn Pfarrer)’.

AG 13: Comparison constructions and similarity-based classification

Hahn – What makes things similar

Mit wenig Sprachbezug, aber kongnitiv sehr spannend: Wenn wir Dinge miteinander vergleichen, ist die Vergleichsrichtung wichtig. Wenn wir eine Linie von 85° sehen, stimmen wir wahrscheinlich schnell zu, dass sie fast vertikal ist, wenn wir eine vertikale Linie sehen, stimmen wir aber eher nicht zu, dass sie fast 85° hat.

Plenarvortrag

Goldberg – Items and Generalizations

Es gibt im Englischen Adjektive, die nicht vor dem Bezugswort stehen können, sondern eigentlich nur prädikativ verwendet werden können:

(1) ??the asleep child

ist komisch, aber

(2) the child is asleep

geht. Das sind alles Adjektive die mit a- beginnen (der Laut ist ein Schwa [ə]) und die meistens früher mal Präpositionalphrasen waren (also z.B. on sleep > asleep). Man kann sie heute noch sehr gut trennen, nach Wurzel und a:

(3) a|sleep, a|float, a|live, a|blaze

im Gegensatz zu ähnlich aussehenden/klingenden Adjektiven mit einer anderen Quelle (absurd, acute, aduld) die attributiv verwendet werden können (the absurd situation). Heutige SprecherInnen lernen also eigentlich eine historische Regel, indem sie die Formen, bei denen das a– vom on stammt, anders behandeln. Darüber sind sie sich allerdings nicht im Klaren, sie folgen eben dem Gebrauch derer, von denen sie lernen, und da sie in Kontexten, in denen z.B. asleep gebaucht wird, nie den attributiven Gebrauch hören, lernen sie die Regel. Im Vortrag war das nur ein kleines Beispiel zur Begründung eines bestimmten Sprach- und Grammatikverständnisses, das aber hier den Rahmen sprengen würde.

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