Ein Kuddelmuddel: Die Großverwandten (Verwandtschaftstrilogie Teil 2)

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Mein Bruder und ich haben einige Großcousins und -kusinen. Wir meinen damit die Enkel der Geschwister unserer Großeltern – ganz besonders aus einer bestimmten Familie, weil wir mit den Kindern teilweise in die Schule gingen. Wir haben auch ein paar Großtanten und Großonkel, aber das sind nicht die Eltern der Großkusinen/-cousins, sondern deren Großeltern. Hm, seltsam. Wer sind denn dann die Kusinen oder Cousins unserer Eltern? Dafür haben wir keine Bezeichnungen, wahrscheinlich auch, weil sie in unserem Leben nie wirklich eine Rolle gespielt haben.

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Großverwandte in Kristins Familie

Was sagen nun meine Versuchspersonen?

Großkusinen und -cousins

Was versteht Ihr unter “Großkusine”?

Es gab 13 Personen, die die Bezeichnung Großkusine nicht kannten und zusätzlich 3, die die Bezeichnung nie verwenden. Diese Antworten blieben unberücksichtigt. Manchmal wurden mehrere Möglichkeiten angegeben, die habe ich alle berücksichtigt. Ein schönes Synonym für Großkusine habe ich bei alldem auch noch gelernt: Cous-Cousine. Kennt das noch wer?

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Eine Großkusine ist ...

Ihr seht, der Kampf tobt in erster Linie zwischen den Kusinen der Eltern und deren Töchtern. Die VertreterInnen der Kusine-der-Eltern-Franktion argumentierten häufig damit, dass die Tochter der Großtante natürlich die Großkusine sein müsse.

Die VertreterInnen der Enkelin-der-Großtante-Franktion (wie ich) argumentierten hingegen damit, dass jemand, der mit –kusine bezeichnet wird, derselben Generation angehören müsse wie man selbst.

Besonders interessant fand ich zwei Antworten:

  • alle (weiblichen) Verwandten die ich zur meiner eigenen Generation zähle, und bei denen die Verwandtschaftsbeziehung weiter ist als Schwester/Kusine
  • Ich wuerde mal sagen, dass Großkusinen bei mir all jene Verwandte sind, die irgendwie verwandt mit mir sind und noch dazu weiblich in meiner (groben) Altersklasse. Falls zu alt werden sie dann Grosstanten. Maennlich entsprechend.

Diese beiden unterstützen die Enkelin-der-Großtante-Fraktion, sind aber noch radikaler: Die Großkusine ist einfach eine entfernte weibliche Verwandte gleichen Alters.

Viele Leute schrieben über ihren Gebrauch und setzten dazu, dass sie sich nicht sicher seien, ob sie das Wort richtig gebrauchten oder gar, dass sie sich sicher seien, dass sie es falsch gebrauchten. Ich glaube allerdings, dass es gar keinen eindeutigen Gebrauch gibt, und die Antworten bestärken mich darin. Ich kann Euch auch nur allen raten, Großcousin zu googlen und die diversen Forumsbeiträge dazu nachzulesen: Man fühlt sich wie bei Loriot! Auch alle angegebenen “Quellen” scheinen nur jeweils den persönliche Gebrauch der AutorInnen widerzuspiegeln.

Und für alle, die auch noch abstimmen wollen:

Großtanten und -onkel

Vorweg ein schneller Blick ins Deutsche Wörterbuch der Grimms, das einen älteren Sprachstand widergibt:

  • grosztante, f., schwester des groszvaters oder der groszmutter
  • groszbase, f., avita magna, soror avi [= Schwester des Großvaters]
  • groszmuhme, f.: die grosmuhm matertera magna, aviae soror […] so viel als der grosze-mutter schwester
  • groszonkel, m., was groszoheim
  • groszoheim, m., avunculus magnus, aviae frater [= Bruder der Großmutter]
  • groszvetter, m., patruus magnus, avi paterni vel materni frater [= Bruder des Großvaters]

Oh, diese Unsitte der lateinischen Umschreibungen in der Lexikographie! Ich habe sinngemäß übersetzt, nach diesem Wörterbuch.

Das ergibt folgendes Bild:

grostantegrimm

Dass danach unterschieden wird, ob es Geschwister der Großmutter oder des Großvaters sind, ähnelt dem Prinzip bei den Geschwistern der Eltern, das ich für das Alt- und Mittelhochdeutsche schon erläutert habe. Die Bezeichnungen wandern quasi eine Generation “nach oben” und werden mit Groß– versehen, also alles schön parallel. (Großcousin(e) findet sich bei den Grimms überhaupt nicht, nicht einmal für Cousin(e) gibt es einen Eintrag – letztere tauchen aber wenigstens gelegentlich in Beispielsätzen auf.)

Das damals gezeichnete Bild gilt, mit den Bezeichnungen Großtante und –onkel, heute noch immer. Meine Versuchspersonen waren sich hier viel, viel einiger:

Was [versteht Ihr] unter „Großtante“?

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Vielleicht nicht so seltsam, dass hier alles viel klarer scheint – die Bezeichnung scheint es ja auch schon viel länger zu geben, wenn man sich danach richtet, dass das Grimmsche Wörterbuch sie, im Gegensatz zu Großkusinen und -cousins, kennt.

Wie bei Tante und Onkel auch, erwähnen hier manche, dass auch die Ehepartnerinnen der entsprechenden männlichen Person Großtanten sein können, das habe ich aber nicht systematisch verfolgt.

Und für weitere Abstimmungen:

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3 Responses to Ein Kuddelmuddel: Die Großverwandten (Verwandtschaftstrilogie Teil 2)

  1. jw sagt:

    wirklich interessante Ergebnisse.
    Vielleicht kann ich hinzufügen, dass als einer der, die in den Großkousinen die Cousinen der Eltern sehen, es bei uns auch eine Bezeichnung für deren Kinder wären, das wäre für mich eine Cousine zweiten Grades. Lustigerweise besteht zu diesen in unserer Familie kein Kontakt, während ich zwei Cousinen und Großcousins dritten Grades kenne.

    Die einzig richtige Antwort auf diese Frage, pflegte aber mein verstorbener Großvater (den wir Näni nannten – vgl. Kristins dritter Blogpost, die mit dem Schweizer Einfluss). Sollte über irgendwelche komplizierten Verwandschaftsbeziehungen diskutiert werden, entgegnete er stets bloß:

    Die Großmütter waren Brüder.

    Lustig darauf die Reaktion. Die tief mit Nachdenken beschäftigten Mitdiskutanten, antworteten meist etwas wie “ach ja so muss es gewesen sein” oder “ahh das könnte stimmen”. ;-)

  2. Nadine sagt:

    Hi,

    wirklich sehr spannend. Ein Nachtrag: Der Grund, warum in Grimms Wörterbuch kein Eintrag unter „Cousine“ zu finden ist, liegt doch sicher darin begründet, dass das ältere Wort dafür „Base“ bzw. „Vetter“ ist.

    In meiner Familie ist das Wort „Cousine“ erst seit meiner Generation gebräuchlich.

    Liebe Grüße,
    Nadine

    • Kristin sagt:

      Hey Nadine,
      vielen Dank für Deine Anmerkung!
      Das Wort Cousine tauchte im Deutschen erstmals Mitte des 17. Jh. auf, es wäre also schon möglich, es in einem älteren Wörterbuch zu finden. Wie frequent es damals war, weiß ich allerdings nicht. Ich habe auch bei Adelung (1811) geschaut, ebenfalls kein Eintrag. Der hat noch nicht einmal Base in der Bedeutung ‚Cousine‘, sondern noch in der (älteren) Bedeutung ‚Tante‘.
      Über den ganzen Komplex mit Base/Vetter und Muhme/Oheim habe ich auch schon mal was geschrieben: Da.