Inklusive aller Personen – ein bißchen Terminologie

16. August 2009

Wahrscheinlich weiß jeder von Euch, dass man bei der Konjugation eines Verbs die “Personen” berücksichtigen muss. Da gibt es eine 1. Person Singular (ich), eine 2. (du), eine 3. (er/sie/es), und dann gibt’s die alle auch noch einmal im Plural (1. wir, 2. ihr, 3. sie). Woran liegt es aber, dass es zweimal bis drei geht? Warum sagt man nicht einfach 1., 2., 3., 4., 5. und 6. Person, und gut ist?

Das Prinzip ist sehr einfach, aber in meinem Leben vor der Uni war’s mir nicht wirklich klar – vielleicht ist es also auch für jemanden von Euch noch erhellend.

Das Konzept der “Person” benutzen wir, um das Verhältnis von Sprecherin und “Besprochenem” zu beschreiben. Sie kommt im Satz als Personalpronomen (ich, du, sie) oder Nominalgruppe (der müde Mann) vor. Und im Deutschen richten sich die Verben nach der Person des Subjekts, daher sind die Personen auch für die Konjugation relevant.

Wenn man sie sich gut anschaut, haben die beiden 1. Personen (Singular und Plural) etwas gemeinsam, genauso die 2. und die 3.

2009-08-16-Personen

Singular

Das sind die drei Personen im Singular.

  • 1. Person: Die Sprecherin meint sich selbst – Ich schreibe grade einen Blogeintrag.
  • 2. Person: Die Sprecherin meint den Hörer – Du könntest mir auch mal helfen!
  • 3. Person: Die Sprecherin meint jemand anders, der nicht am Gespräch beteiligt ist – Er geht mir ja sowas von auf die Nerven!

Im Plural ist es ähnlich – bei der 1. Person ist immer die Sprecherin dabei, bei der 2. immer der Hörer, und bei der 3. irgendwelche anderen Leute, die nicht am Gespräch beteiligt sind:

1. Person Plural

Die Sprecherin meint sich selbst und diejenigen, die zu ihrer Gruppe gehören – Wir gehen nachher noch was trinken.

Allerdings ist das Deutsche da nicht ganz so präzise wie manch andere Sprache. Es bleibt nämlich offen, was das genau für Leute sind, die zur Wir-Gruppe gehören. Da gibt es zwei Möglichkeiten:

a) Ich spreche für mich und mindestens eine weitere Person, meine aber meinen Gesprächspartner nicht mit. Das ist die “exklusive” Bedeutung. Das grüne Männchen darf nicht mit in die Kneipe kommen:

1. Person Plural (exklusiv)

1. Person Plural (exklusiv)

b) Mein Gesprächspartner ist auch Teil meiner Gruppe, er ist in das Wir eingeschlossen. Das ist die “inklusive” Bedeutung. Das grüne Männchen kommt auch mit in die Kneipe:

1. Person Plural (inklusiv)

1. Person Plural (inklusiv)

Diese Unterscheidung muss man im Deutschen durch den Kontext treffen, was nicht immer gelingt. Andere Sprachen haben verschiedene Pronomen für ein exklusives und ein inklusives Wir. Hier die entsprechenden Wörter in Motu, einer ozeanischen Sprache Papua Neuguineas:

  • 1. Person Singular: lau ‘ich’
  • 1. Person Plural inklusiv: ita ‘ich und du (und evtl. Dritte)’
  • 1. Person Plural exklusiv: ai ‘ich und Dritte (ätschbätsch, du nicht!)

2. Person Plural

Die Sprecherin meint den Hörer und die Leute, die zu seiner Gruppe gehören. Das kann auch wieder auf zwei Arten geschehen, allerdings ist der Unterschied nicht so gravierend:

a) Die Sprecherin spricht nur eine Person aus der Gruppe an (z.B. weil die anderen nicht anwesend sind, oder eine andere Sprache sprechen, oder weil sie unhöflich ist …), es gibt also nur einen Hörer.

b) Die Sprecherin spricht alle Personen aus der Gruppe gleichzeitig an, es gibt also mehrere Hörer.

2. Person Plural

2. Person Plural

3. Person Plural

Bei der dritten Person Plural sind Leute gemeint, die nicht am Gespräch beteiligt sind. Im Gegensatz zum Singular jetzt eben mindestens zwei.

3. Person Plural

3. Person Plural

Hier müssen aber nicht unbedingt Menschen (oder Tiere) gemeint sein, die Gemeinten reden ja eh nicht mit. Es kann also auch um Dinge oder abstrakte Konzepte gehen.

2009-08-16-sie-dinge

3. Person Plural

Die 1. Person umfasst also immer die Sprecherin, die 2. immer den Hörer und die 3. unbeteiligte Personen oder Dinge. Im Singular immer nur eine Entität, im Plural mindestens zwei. (Und natürlich ist die Mindestzahl für den Plural in Sprachen, die den Dual haben, drei.)


Bei Familie Kistenpfennig

13. August 2009

2009-08-Kistenpfennig

Vor zwei Wochen bin ich durch ein Industriegebiet geradelt (romanisch, was?) und habe dabei die Firma Kistenpfennig entdeckt. (Es scheint ihr da aber auch nicht so gut zu gefallen, denn im September zieht sie um.)

Kistenpfennig ist einer der schillernderen Familiennamen des Deutschen – und zwar ganz besonders, wenn man sich anschaut, wo er herkommt. Spontan vermuten wohl die meisten Menschen, dass es etwas mit einer Kiste zu tun hat – vielleicht eine Schatztruhe oder sowas – aber dem ist nicht so.

Was hat Bleibtreu mit Kistenpfennig zu tun?

Kistenpfennig ist ein sogenannter “Satzname”, also ein Name, der ursprünglich ein richtiger Satz war. Satznamen sind relativ selten, dazu gehören z.B. Dienegott, Bleibtreu, Nährdich, Lachnitt ‘lach nicht’, Thudichum, Springinsfeld, Kehrein, Flickenschild ‘flick den Schild’. Ich habe hier Beispiele ausgewählt, die heute noch recht gut verständlich sind (übrigens alle aus Kunze, S. 152). Viele dieser Satznamen haben aber lautliche Veränderungen mitgemacht oder sind dialektal geprägt, sodass man heute nicht mehr so klar sehen kann, woher sie kommen.

So ist das auch mit Kistenpfennig. Der Name beinhaltet das Verb küssen, wörtlich heißt er also ‘küss den Pfennig’ (kis ten pfennig). Dass ein i– statt eines ü-Lautes benutzt wird, ist dialektal gar nicht so selten. Man nennt das Phänomen “Entrundung”, weil der einzige Unterschied zwischen den beiden Lauten darin besteht, dass beim ü die Lippen gerundet werden, beim i aber nicht. (Einfach mal probieren: Wenn Ihr ein i aussprecht und dann langsam die Lippen zu einem Kussmund formt, wird automatisch ein ü draus.)

Es gibt den Namen auch in der gerundeten Variante, nämlich als Küssenpfenig (in Österreich). Olschansky gibt auch noch Küstenpfennig an, aber da finde ich zumindest keine Telefonbucheinträge, muss also sehr selten (oder schon ausgestorben) sein.

Kistenpfennigs gibt’s aber auch nicht gerade viele. Eine Abfrage mit Geogen, einer Kartierungssoftware für Familiennamen, ergibt 37 Telefonanschlüsse in Deutschland:

2009-08-Kistenpfennig-absolut

Und wer heißt so?

Wie kam man überhaupt auf die Idee, jemanden Kistenpfennig zu nennen?

Der Name ist ein sogenannter “Übername”. Übernamen beschreiben eine charakteristische Eigenschaft oder das Aussehen der benannten Person. So kann jemand mit schwarzem Haar Schwarz genannt werden, jemand von eher unterdurchschnittlicher Körpergröße Klein, eine unangenehme Person wird zum Greulich. Und ein Kistenpfennig ist ein Geizhals – einer, der jeden Pfennig küsst.

Es gibt noch einige weitere Satznamen mit dieser Bedeutung, z.B. Wehrenpfennig ‘verteidige den Pfennig’, Zippenpfennig ‘spare den Pfennig’ und Wriefpfennig ‘reib Pfennig’.

Es gibt auch noch weitere Familiennamen mit Pfennig. Menschen, die geschickt mit Geld umgehen können, heißen Wucherpfennig, Winnepfennig. Wer es nicht schafft, sein Geld gewinnbringend einzusetzen, ist ein Schimmelpfennig oder Sulzepfennig (von salzen, also einpökeln). Und wer verschwenderisch lebt wird Zehrenpfennig (von zehren, früher in der Bedeutung ‘verprassen’) oder Schmeltzpfennig genannt.

Wie konnte das passieren?

Familiennamen gab es nicht immer. Im Frühmittelalter und vorher trugen die Menschen Rufnamen (Sigfried, Kriemhilt, …) und, wenn das nicht ausreichte (weil z.B. jemand anders auch so hieß), Beinamen. Gab es also zwei Sigfrieds im Dorf, konnte einer Klein und der andere Groß genannt werden, oder nach den Berufen einer Müller und der andere Schneider, … man war sehr kreativ, es gab auch Benennungen nach dem Wohnort, dem Herkunftsort oder dem Vater.

Nun spitzte sich allerdings die Lage immer weiter zu, und zwar weil die Städte immer weiter wuchsen, also immer mehr Menschen den selben Rufnamen trugen, und weil man sich bei der Benennung traditionsbewusst zeigte: Die Nachbenennung war in Mode. Kinder wurden auf den Namen der Eltern, der Paten oder der Großeltern getauft, auch Herrschernamen waren sehr beliebt. Und Schutzheilige – und mit ihnen die biblischen Namen. Im Spätmittelalter hießen 23% aller Frauen Margareta, 18% Katharina. Bei den Männern hieß fast jeder dritte Johannes.

Schließlich wurden die Beinamen “fest”: Sie wurden auf die Kinder weitervererbt und somit zu Familiennamen. Sigfrid Klein hieß noch so, weil er klein war, aber sein Sohn Johannes Klein war vielleicht der größte Junge der Straße – trug aber trotzdem den Namen des Vaters. Man geht davon aus, dass dieser Prozess im 12. Jahrhundert in Süddeutschland begann und nach und nach das ganze deutsche Sprachgebiet erfasste. Als Gründe dafür sieht man neben Bevölkerungswachstum und Nachbenennung die Sicherung von Erbansprüchen und die zunehmende Bürokratie (Steuerlisten, Urkunden, …).

Und so stehen heute die armen Kistenpfennigs mit ihrem Namen da, obwohl sie womöglich sehr großzügig sind. Also vielleicht ein Segen, dass man die Herkunft des Namens nicht mehr direkt erkennt …


[Hörtipp] So Wrong It’s Right

11. August 2009

Eben beim Language Log gefunden: Eine Radiosendung der BBC mit Stephen Fry. Es geht, natürlich, um Sprache – um Sprachpolitik, um Sprachwandel, um Einstellungen zu Sprache, und es ist ganz großartig.

This programme is called „So Wrong It’s Right“ in order to show that what is held to be wrong can, by dint purely of usage, be right – and often is. It’s mission is to boldly go into the outer reaches of the language badlands.

Die Aufnahme ist nur für eine Woche da, beeilt Euch also! Es gibt noch zwei weitere Folgen, die nächste ist am kommenden Dienstag zu hören. Ich hab’s mir in den Kalender geschrieben.

2009-08-11-Fry


Die Ersten werden die Ersten sein

10. August 2009

Sooo, ich habe gelost. Der Auserkorene ist die Nummer …

2009-08-10-randomnumber

… will sagen …

2009-08-10-Hansi

Gratuliere, Hansi! Maile mir eine gültige Postadresse Deiner Wahl und verrate mir, welches Buch Du haben magst. Ich erhole mich derweil von meinem Urlaub und denke mir was Neues für’s Schplock aus.


Aller guten Dinge sind 2: Alles Gute, liebes Schplock!

6. August 2009

Heute wird das Schplock zwei Jahre alt! Weil man einem Blog nichts schenken kann, schenkt das Schplock aus diesem freudigen Anlass Euch was! Ich verlose unter allen, die bis einschließlich Sonntag einen Kommentar oder ein Pingback hinterlassen, eines der Buchtipp-Bücher. Zur Wahl stehen:

Aus gegebenem Anlass geht es heute um die Zahl 2, und zwar auf zweierlei Wegen:

Drei Formen der Zahl zwei und ihre Verstecke

Im Indogermanischen hieß ‘zwei’ *dwôu und hatte bereits dieselbe Bedeutung – ziemlich unspannend eigentlich. Was aber interessant ist: zwei konnte früher flektieren, d.h. die Zahl richtete sich im Genus nach dem Gezählten. Wie Adjektive heute. Die Formen waren im Alt- und Mittelhochdeutschen zwêne (maskulin), zwô, zwâ (feminin), zwei (neutrum). Ein paar Beispiele?

  • di zwene marcgraven gere vnt ekkewart ‘die zwei Markgrafen Gere und Ekkewart’ (Der Nibelunge Not I,9,3) – marcgrav ist maskulin → zwene
  • Under im in eyner kamern waren zwo jungfrauwen besloßen ‘unter ihm in einer Kammer waren zwei Jungfrauen eingeschlossen’ (Prosalancelot 1281) – jungfrauw ist feminin → zwo
  • der worhte zwei mezzer, diu ez sniten ‘der schuf zwei Messer, die es schnitten’ (Wolfram von Eschenbach: Parzival 490,21) – mezzer ist neutrum → zwei

Dieses Phänomen hat sich teilweise dialektal erhalten, zum Beispiel in manchen schweizerdeutschen Dialekten. Munske (1983:1007) gibt die Beispiele

  • zwee Hünd ‘zwei Hunde’
  • zwoo Chüe ‘zwei Kühe’
  • zwäi Hüener ‘zwei Hühner’

Im Neuhochdeutschen gibt’s neben zwei auch noch die Variante zwo, durch die man eine Verwechslung mit drei verhindern will (“An Gleis zwo fährt jetzt ein …”). Das ist die alte feminine Form.

zwei selbst ist zwar etymologisch recht einfach, aber es steckt in einer ganzen Reihe von Wörtern, in denen wir es heute nicht mehr unbedingt vermuten würden:

  • als Zwi– in Zwieback (zweimal gebacken), Zwillich (zweifädiges Gewebe), Zwilling, Zwirn (urspr. zweidrähtiger Faden), zwischen (urspr. zweifach, beide), Zwist, Zwitter
  • als Zwei– in Zweifel (von zweifältig, gespalten), Zweig (in zwei gegabelt)
  • und in Zuber (Gefäß mit zwei Henkeln).

Einzahl, Zweizahl, Mehrzahl

Im heutigen Deutschen haben wir zwei Numeri, den Singular (die Einzahl) und den Plural (die Mehrzahl). Danach flektieren wir Verben (ich gehe vs. wir gehen), Substantive (das Kind vs. die Kinder) und Adjektive (die kleine Katze, die kleinen Katzen).

Es gibt aber Sprachen, die nicht nur unterscheiden, ob es um ein Ding/Wesen oder um mehrere geht, sondern die es auch wichtig finden, zu markieren, wenn es um exakt zwei geht. Diese Kategorie nennt man “Dual”. In einer Vorstufe des Deutschen muss es den Dual einstens gegeben haben: im Indogermanischen. Im Slowenischen hat er sich tapfer erhalten. Hier ein paar Beispiele (Quelle):

Der Dual beim Verb: Wenn von zwei Personen die Rede ist, wird eine andere Verbform benutzt, als wenn es um mindestens drei geht.

  • govorim ‘ich spreche’ – 1. Person Singular
  • govoriva ‘wir beide sprechen’ – 1. Person Dual
  • govorimo ‘wir (mind. 3 Leute) sprechen’ – 1. Person Plural

Der Dual beim Substantiv: Wenn über zwei Dinge gesprochen wird, wird eine andere Form benutzt, als wenn es um mindestens drei geht.

  • knjiga ‘Buch’ – Singular
  • knjigi ‘zwei Bücher’ – Dual
  • knjige ‘Bücher (mind. 3)’ – Plural

Bei vielen Sprachen findet sich der Dual nur in einem Teil des Systems, nämlich bei den Personalpronomen. Es gibt also verschiedene Wörter für ‘ich’, ‘du’, ‘er’, ‘sie’, ‘wir beide’, ‘ihr beiden’, ‘sie beide’, ‘wir’, ‘ihr’, ‘sie’.

So, und jetzt schwinge ich mich wieder auf mein Zweirad und urlaube weiter.