[Surftipp] L;nkolon

28. September 2009

Auf dem Linguistik-Server Essen (LINSE) finden sich eine Menge spannende Dinge. Neben dem kürzlich empfohlenen Etymologiekurs z.B. auch L;nkolon, ein Linguistikgrundkurs mit zahlreichen Themeneinheiten wie Semantik, Soziolinguistik, Sprachgeschichte, … schön kompakt.

Linkolon


[Surftipp] Etymologie entdecken

26. September 2009

Ich habe einen tollen Onlinekurs in Etymologie entdeckt – wer sich für die Herkunft von Wörtern interessiert, sollte ganz schnell hingehen:

2009-09-26-etym2

Alle Informationen sind in kleine, leicht verständliche Einheiten gegliedert. Es geht nicht nur um Einzelwortgeschichte, sondern um übergreifende Konzepte wie Bedeutungswandel und auch um den Einfluss von Lautwandel. Wenn man Lust hat, kann man das Gelernte am Ende in einem kleinen Quiz testen. Super gemacht und präsentiert!


Es war einmal … das Althochdeutsche

24. September 2009

Dieser Artikel ist ins neue Sprachlog umgezogen und ab sofort hier zu finden!


도서관 – Koreanische Konsonanten

17. September 2009

Angeregt durch den Bibliotheksartikel will ich noch ein bißchen mehr zu Schriftsystemen sagen – heute über das koreanische Alphabet.

Ich habe ja mal ein Semester Koreanisch an der Uni gelernt. Das ist alles, was ich noch kann:

2009-09-17-KoreanischIch muss allerdings zugeben, dass ich nie besonders viel mehr konnte. Aber natürlich fand ich die Stunden aus linguistischer Sicht superspannend, nicht zuletzt die Schrift.

Das Koreanische hat eine Alphabetschrift, das heißt jedes Zeichen steht für einen bestimmten Laut. Allerdings sind diese Zeichen nicht, wie in der lateinischen Schrift, linear angeordnet. Statt dessen bilden alle Laute, die zu einer Silbe gehören, einen kleinen Block. Diese Blöcke werden dann zu Wörtern und Sätzen aneinandergereiht. Hier das koreanische Wort für ‘Bibliothek’:

2009-09-17-doseogwan

도서관

Es besteht aus drei Silben: 도 do, 서 seo und 관 gwan. (Die Umschrift ähnelt der wirklichen Aussprache aber nur bedingt – wer sich’s anhören will, kann hier nach „library“ suchen.)

Diese Silben bestehen wiederum aus mehreren Buchstaben:

  • 도 aus ㄷ und ㅗ,
  • 서 aus ㅅ undㅓ,
  • 관 aus ㄱ, ㅘ und ㄴ

Die Zeichen sehen verschieden aus, je nachdem wie viel Platz sie in der entsprechenden Silbe haben bzw. an welcher Stelle sie stehen. Manchmal sind sie langgezogen, machmal eher gestaucht.

Eine geschriebene Silbe ist übrigens nicht immer auch eine gesprochene Silbe. Der letzte Konsonant einer Schreibsilbe wird nämlich gesprochen zum ersten Konsonanten der Folgesilbe, wenn die sonst mit einem Vokal anfangen würde.

Das richtig Interessante an der Schrift ist aber, dass sie nach linguistischen Kriterien konzipiert wurde. Die europäischen Alphabetschriften sind ja aus Zeichen entstanden, die ursprünglich mal Gegenstände abbildeten. Erst nach und nach begannen sie für Laute zu stehen.

Die Hangeul – so heißen die koreanischen Buchstaben – sind aber nicht einfach so „entstanden“, sie wurden bewusst entwickelt. Das geschah unter König Sejong Mitte des 15. Jahrhunderts. Bis dahin schrieb man Koreanisch ausschließlich mit chinesischen Schriftzeichen, die sich a) nicht besonders dazu eigneten und die b) sehr schwer zu erlernen waren. Es dauerte allerdings noch bis ins 20. Jahrhundert, bis sich die Hangeul wirklich durchsetzen.

Das koreanische Alphabet hat 40 Buchstaben: 21 Vokale und 19 Konsonanten.

Die Konsonanten gehen auf 5 Grundzeichen zurück:

2009-09-17-Grundzeichen

(nach Hoppmann 2007)

Die Zeichen stellen dar, wie die Sprechorgane beim Sprechen geformt sind. Die ersten drei Zeichen stellen die Lage der Zunge in einem seitlichen Querschnitt durch den Mundraum dar, das vierte die Position der Lippen in der Draufsicht, das fünfte die Glottis.

2009-09-17-1 Der Zungenrücken berührt den hinteren Gaumen (Velum). Das ist der Fall bei velaren Lauten:
ㄱ [k], ㅋ [kʰ]
2009-09-17-2 Der Zungenkranz (Korona) berührt den vorderen Gaumen. Das ist der Fall bei koronalen Lauten (wobei die Sibilanten ein Extrazeichen haben):
ㄴ [n], ㄷ [t], ㅌ [tʰ], ㄹ [ɾ, l] (Aussprache von [ɾ] hören: hier)
2009-09-17-3 Die Zunge schafft eine Verengung vor bzw. an den oberen Schneidezähnen. Das ist der Fall bei Sibilanten (Zischlauten):
ㅅ [s], ㅈ [tɕ], ㅊ [tɕʰ] (Aussprache von [ɕ] hören: hier)
2009-09-17-4 Die Lippen berühren sich. Das ist der Fall bei bilabialen Lauten:
ㅁ [m], ㅂ [p], ㅍ [pʰ]
2009-09-17-5 Der Laut wird an der Stimmritze (Glottis) gebildet. Das ist der Fall bei glottalen Lauten:
ㅇ [ʔ, ŋ], ㅎ [h] (Aussprache von [ʔ]: hier, von [ŋ]: hier)

Neben der Grundform beinhalten viele Zeichen auch noch weitere Striche, die ebenfalls Funktionen haben. Ein zusätzlicher Querstrich zeigt z.B. Aspiration an, das heißt der Laut wird behaucht: ㅋ [kʰ], ㅌ [tʰ], ㅊ [tɕʰ], ㅍ [pʰ], ㅎ [h].

Zu den Vokalen schreibe ich ein andermal was, da wird’s nämlich ein bißchen esoterisch ;)


Will sell ebber?

14. September 2009

Nummer 2 in der Reihe “Badische Wörter seltsamen Ursprungs”: ebber ‘jemand’.

[Nachtrag: Eben habe ich ein Verwendungsbeispiel in meinen Aufnahmen gefunden – es geht um erhaltene Burgen im Mittelrheintal:

ja, äh, wuhnd doo na no ebber drin? (ja, äh, wohnt da denn noch jemand drin?)

]

Mal wieder kein erkennbarer Bezug zum hochdeutschen Wort – aber dafür ähnelt es einem anderen Dialektwort auffällig: ebbis ‘etwas’, unbetont auch oft ebbs. Beide Wörter sind sogenannte “Indefinitpronomen”, also Pronomen, die nicht näher Bestimmtes bezeichnen.

2009-09-14-ebbis

Das dialektale ebbis ist historisch mit dem hochdeutschen etwas verwandt.

Das Grimmsche Wörterbuch gibt althochdeutsch ëddeshuaʒ und mittelhochdeutsch ët(e)swaʒ an, das schließlich zu unserem heutigen etwas wurde. Es kennt aber auch die Formen eppas, eppes, die es als von der “Volkssprache” assimiliert bezeichnet.

Das deutet darauf hin, dass das Wort nicht nur im Badischen auftaucht – und siehe da: In zahlreichen Dialektwörterbüchern findet es sich, z.B. im Pfälzischen (ębəs, ębis, abəs), Rheinischen (ębəs, mit der weiteren Bedeutung ‘sehr’), Elsässischen (eppis) und Lothringischen (èpəs, èbs, èbəs). Im Lothringischen Wörterbuch steht als Anmerkung dabei: Kommt in fast allen ober- und mitteldeutschen Maa. [=Mundarten] vor”. Ostmitteldeutsche Wörterbücher gibt’s leider nicht online, Hinweise dazu werden dankbarst aufgenommen!

2009-09-14-ebber

Jetzt aber zu ebber! Das Wort ähnelt ebbis nicht umsonst, es geht nämlich auf eine ähnliche Grundlage zurück:

  1. mhd. ëtes-was
  2. mhd. ëtes-wër

Im Mittelhochdeutschen (und auch schon früher) wurden die Indefinitpronomen also regelmäßig gebildet, und zwar aus etes und dem entsprechenden Fragepronomen (was für Dinge, wer für Menschen).

Außerdem konnte etes auch vor –lîch (etlich), –(‘irgendwo’), –war (‘irgendwohin’), –wenne (‘manchmal’) und –wie (‘irgendwie’) stehen, immer mit der unbestimmten Bedeutung. Leider bin ich grade fern von meinem etymologischen Wörterbuch, aber wenn wir wieder glücklich vereint sind, werde ich mal nachschauen, ob für etes zu einer früheren Zeit eine konkretere Bedeutung belegt ist.

ebber ist also eine Variante von etwer, das es im Neuhochdeutschen nicht mehr gibt. Statt dessen verwenden wir jemand oder irgendwer.

Wie ebbis ist auch ebber weiter verbreitet: Im Pfälzischen (ębər, ębɒr), Elsässischen (epper) und Lothringischen (èbər). Das Elsässische kennt darüber hinaus auch noch eppe ‘etwa’ und eppen(e) ‘irgendwann, von Zeit zu Zeit’ (wahrscheinlich aus mhd. eteswenne).

Von tw zu bb

Wie konnte aber etw… zu eb… werden? Die Grimms sprechen von einer Assimilation, aber hier wird ja nicht t zu w oder w zu t, sondern es verändern sich gleich beide Laute. Das ist eine sogenannte “reziproke Assimilation”, bei der sich die beiden Laute gegenseitig beeinflussen. Das neue [b] beinhaltet also Merkmale der beiden vorherigen Laute (grün = Stimmhaftigkeit, blau = Artikulationsort, orange = Artikulationsart):

  • <t> ist ein stimmloser alveolarer Plosiv [t]
  • <w>
    • war früher mal ein labialisierter stimmhafter velarer Approximant (=Halbvokal) [w] – wie heute noch im Englischen –
    • und ist jetzt ein stimmhafter labiodentaler Frikativ [v]
  • <b> ist ein stimmhafter bilabialer Plosiv

Nun ist es etwas schwierig zu sagen, was genau wann passiert ist. Ist ebber entstanden, als wir noch ein [w] hatten, oder erst, als es schon ein [v] war? Ich tippe auf ersteres. Dann hätte das [t] seinen Artikulationsort verlagert, um dem [w] entgegenzukommen. Das [w] ist velar, das heißt der Zungenrücken ist bei der Bildung hinten am Gaumen, aber wichtiger ist hier, dass es labialisiert ist. Das bedeutet, dass man bei der Bildung beide Lippen benutzt. Wenn man zur Bildung eines Plosivs, was das [t] ja ist, die Lippen einsetzt, dann wird er bilabial und somit ein [b] oder [p]. Wir hätten also den Zwischenschritt *ebwas.

In einem zweiten Schritt hätte dann das [b] auf das [w] eingewirkt und es in seiner Artikulationsart verändert: Vom Halbvokal zum Plosiv. Et voilà, ebbas.1 Übrigens: Heute schreibt man zwar noch <bb>, aber in Wirklichkeit ist es längst auf einen b-Laut zusammengeschrumpft. (Den Vorgang nennt man “Degemination”.)

Das [a] wurde später oft abgeschwächt, sodass man dialektal meist ebbes hat. Woher das alemannische [i] stammt, kann ich leider nicht schlüssig erklären. Das Alemannische ist aber sehr i-phil, vielleicht wurde die abgeschwächte Endung einfach als ehemaliges [i] analysiert und dann wieder verstärkt. Das ist jetzt aber reine Spekulation!

Einen ganz ähnlichen Vorgang kann man übrigens zum Lateinischen hin beobachten: aus indogermanischem *dw wurde im Lateinischen b (z.B. *dwis ‘zweimal’ > bis). Im Deutschen hingegen haben wir das ursprüngliche *dw beibehalten, es wurde lediglich durch andere Lautwandelprozesse verändert (indogerm. *dw > germ. tw (1. Lautverschiebung) > ahd. zw (2. Lautverschiebung)).

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