Impotente Vokale: Die Umlautunfähigkeit

Ich bin mal wieder zufällig in die alemannische Wikipedia gelangt, auf der Suche nach Literatur zur e– und n-Apokope. Es wäre einfach zu niedlich, wenn das zitierfähig wäre ;) Und wo ich schon mal dabei war, habe ich auch gleich geschaut, was sie so zu meinem Thema, der Pluralbildung, zu sagen haben. So weit ganz ordentlich, allerdings teilweise unnötig kompliziert. Es werden z.B. zwei verschiedene Pluralarten auf –er genannt (Hervorhebung von mir):

  • dur Umlut un Ändung -er: Huus (Hous, Hüüs)/Hiiser (Hejser/Hüüser/Hüser), Dach/Dächer (Decher), Blatt (Blett)/Bletter usw.
  • dur d Ändung -er: Näscht/Näschter, Liächt/Liächter, Fäscht (Fescht)/Fäschter (näbe Fescht)

Wenn man sich die Beispiele näher anschaut, bei denen nur –er antritt, aber kein Umlaut durchgeführt wird, fällt schnell etwas auf … die Fälle ohne Umlaut könnten auch beim besten Willen keinen besitzen. Sie sind nämlich “umlautunfähig”.

Ich habe ja schon mal erklärt, dass der Umlaut ein Prozess war, bei dem hintere und zentrale Vokale vor i oder j zu vorderen Vokalen wurden.1

Vokale, die schon immer vorne im Mund gebildet wurden (e, i), konnten aber nicht umgelautet werden, wie sollte das auch gehen? Der Umlaut ist ein Prozess, bei dem die Bildung weiter vorne im Mund erfolgt, aber für Laute wie e und i gibt es kein “weiter vorne”. Vordere Vokale sind also “umlautunfähig”.

Ein kurzer Blick auf Näscht, Liächt und Fäscht zeigt, dass sie alle vordere Vokale enthalten.

Und wenn man noch eine Weile weitersucht, wird man bald feststellen, dass es auch sonst keine Substantive auf –er gibt, die zwar einen umlautfähigen Vokal enthalten, aber nicht umgelautet werden. Alemannisch nicht und hochdeutsch auch nicht.2

Es ist also völlig unnötig, zwei getrennte Regeln zu formulieren, es genügt festzustellen, dass mit der Endung –er Umlaut einhergeht, wenn er möglich ist.

Fußnoten:
1 Dieser Lautwandel ist heute nicht mehr aktiv, aber die Beziehung zwischen unumgelautetem und umgelautetem Vokal besteht noch immer. D.h. der Umlautvokal von a muss immer ä sein etc. Hier für das Hochdeutsche vereinfacht dargestellt (a, o und u gibt es als Kurz- und Langvokale):

ohne UL mit UL willkürliches Beispiel
a ä (auch als e geschr.)
Hammer – Hämmerchen
Fahrt – fertig
o ö Lohn – Löhne
u ü ich buk – ich büke
au äu saugen – Säugling

2 Canoo.net kennt hochdeutsches OsOser, aber das ist wohl ein Fremdwort.

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7 Antworten zu Impotente Vokale: Die Umlautunfähigkeit

  1. Holder sagt:

    Hallo Kristin,

    es gitb durchaus alemannische Substantive mit umlautfähigem Vokal, die den Plural auf -er bilden aber iohne Umlaut.
    Spontan fällt mir z. B.
    Stüch, Pl. Stücke ein,
    das meinem Dialekt (Markgräflerland)
    Stuck, Pl. Stucker lautet und eben nicht *Sticker.
    Liebe Grüße,
    Holder
    PS: Ich habe dieses Beispiel jetzt auch in der Alemannishen Wp ergänzt.

    • Holder sagt:

      Sorry für die Schreibfehler, im Blog kann man im Gegensatz zur Wikipedia leider nicht korrigieren … LG, Holder

  2. Kristin sagt:

    Hey Holder,

    danke für den Hinweis! Es war wohl etwas dreist von mir, meine Ergebnisse derart zu verallgemeinern ;)
    Stuck hat ja anscheinend bei Euch gar keinen Umlaut mitgemacht, oder den Umlaut rückgängig gemacht. Ist das eine feste Regel?
    Wie verhalten sich bei Dir denn andere derartige Wörter? Z.B. Unglück? Gemüt?

    Haben Wörter mit historisch korrektem Singular-u einen Umlautplural? Also Wurm, Tuch, Buch?

    Sehr gespannt:
    Kristin.

    • Holder sagt:

      Hallo Kristin,

      „Stuck“ gehört zu einer ganzen Reihe von Wörtern, in denen mhd. u nicht umgelautet ist:
      bucke „bücken“, Bruck „Brücke“, Chrucke „Krücke“, Chuchi „Küche“, drucke „drücken“, Huft „Hüfte“, Luug „Lüge“, Mucke „Fliege“ (vgl. dt.“Mücke“), murb „mürb“, Rucke „Rücken“. Es gibt da auch eine lautgesetzliche Regel, die ich aber gerade nicht literaturmäßíg griffbereit habe, irgendeine umlauthindernde Konsonanz. Diese Regel gilt für viele almannische Dialekte nördlich der Alpen.

      Unglück wird bei uns als „Unggligg“ gesprochen,
      Gemüt als „Gmiet“ (aus mhd. üe!).

      Wuurm hat den Plural „Wiirm“.

      Tuch und Buch gehören zu mhd. uo und werden bei uns als Döech bzw. Böech (Pl. Diecher, Biecher) gesprochen.

      Du kannst gerne weitere Fragen stellen, ich stehe gerne als Gewährsperson zur Verfügung ;-)

      Liebe Grüße,

      Holder

  3. Kristin sagt:

    Hey Holder,

    vielen Dank für Deine Rückmeldung! Ja, diese Sache mit dem unumgelauteten u ist cool – die meisten Deiner Wörter sagen meine Gewährsleute auch.
    Nur Huft und murb kenne ich nicht, was aber nichts heißen muss, vielleicht wurden sie einfach noch nie in meiner Gegenwart benutzt.
    Lûg finde ich sehr spannend, das ist bei meinen Leuten nämlich maskulin, der Lug.

    Aber zurück zur Sache mit dem er-Umlaut: Gibt es unter den u-Wörtern noch weitere, die er ohne Umlaut nehmen?

    Ich habe kürzlich auch Beispiele aus anderen (nicht alemannischen) Dialekten gehört, in denen der Umlaut bei er-Plural abgebaut wird, weiß aber nicht mehr genau, wo das war.
    Sobald ich wieder ein bißchen mehr Zeit habe, recherchiere ich da noch mal.

    Von der Markierung her ist es ja gar kein Problem, den Umlaut wegzulassen, –er markiert ja wirklich deutlich genug – aber dennoch scheint es kaum zu passieren. Umso spannender, wenn doch!

    Liebe Grüße,
    Kristin.

  4. Holder sagt:

    Hallo Kristin,

    einen Beleg habe ich noch gefunden: Schuck m., Pl. Schucker „Stoß, Schups“, aber ansonsten kenne ich keine weiteren.

    In vielen alemannischen Dialekten wird der Umlaut als Puralmarker ja sogar eher mehr verwendet als in der Standardsprache, vgl. z. B. Hund, Pl. Hind „Hund“, Dokter, Pl. Dekter „Arzt“, Huffe, Pl. Hiffe „Haufen“.

    „Lug“ ist in meinem Dialekt feminin.

    LG, Holder

  5. Kristin sagt:

    Hallo Holder,

    ich habe gestern einen Hinweis auf das Phänomen gefunden!
    Und zwar bei Renate Schrambke (1997): „Die Sprachlandschaft der Ortenau“ in „Kleiner Dialektatlas. Alemannisch und Schwäbisch in Baden-Württemberg“ (Hg. von Klausmann, Kunze, Schrambke).

    Die Umlautung von u vor ck, ch und pf scheint, wo sie durchgeführt wurde, durch fränkischen Einfluss erfolgt zu sein.
    Eigentlich hindern die genannten Konsonanten das u am Umlauten.

    Die Übergangslandschaft befindet sich in der Oberrheinebene, erste Umlautungen finden sich auf elsässischer Seite nördlich von Molsheim/Straßburg und auf badischer nördlich/östlich der (groben) Linie Offenburg-Bühl-Forbach.

    Das bedeutet für Stucker, dass es in den Gebieten ohne fränkischen Einfluss als umlautunfähig gilt. Meine Behauptung ist also so halbwegs „gerettet“ ;)