Freigieb- oder -gebig?

Das, worüber das ich heute schreiben will, habe ich in meiner Schulzeit für eine reine Reclam-Eigenheit gehalten. In den Reclamheften stand nämlich immer freigebig, wo ich freigiebig erwartet hätte. Komischer Verlag.

Seither ist mir freigebig aber auch in anderen Kontexten begegnet, zuletzt im Wartezimmer in Geo (in der Januarausgabe war übrigens auch ein Artikel über Piraha/Dan Everett drin):

Wissenschaftler glauben, dass die Menschen freigebiger werden. ...

Was hat es damit auf sich? Habe ich mein ganzes Leben lang eine Form benutzt, die sonst keiner kennt?

Die alten Herren waren freigebig

Erster Versuch: Wörterbücher. Kluges etymologisches Wörterbuch kennt nur freigebig. Das Deutsche Wörterbuch der Grimms kennt ebenfalls nur das e:

FREIGEBIG, munificus, liberalis. früher mit dem gen. der sache, wofür später praepositionen:
freigebig ihrer (so) reichtum und bluts.
WECKHERLIN 850. freigebig in lob, in worten; mit lob, mit tadel; freigebig gegen alle. LESSING 1, 242. vgl. kostfrei.

Bei einer Volltextsuche im DWB, wenn man also innerhalb der einzelnen Einträge sucht und nicht nur nach Lemmata, findet man das auch 94 Mal – aber immerhin gibt es auch einen Fall mit ie:

er (Lionardo) selber, schön von antlitz, stark wie ein titan, freigiebig, mit zahlreichen dienern und pferden und phantastischem hausrat umgeben H. GRIMM Michelangelo 1, 44

Die e-Form scheint also älter zu sein. Ein Blick in die Vergangenheit mit dem HIST-Korpus von Cosmas II bestätigt das tendenziell: Von 1772 bis 1860 sind 39 e-Treffer vorhanden, aber nur ein einziger ie-Treffer. Ähnlich auch im DWDS-Korpus, wo es von 1900 bis 1955 110 e-Treffer und 11 ie-Treffer gibt, also grade mal ein Zehntel.

Dr. Bopp kennt sich aus

Das bestätigt auch Dr. Bopp, der einen sehr erhellenden Blogbeitrag zum Thema hat (Einfärbungen von mir):

Das Wort freigiebig und das von ihm abgeleitete Freigiebigkeit galten und gelten bei einigen immer noch als falsch, weil es ausschließlich freigebig heißen dürfe. Wie ist das Wort freigiebig entstanden? Es wurde in Analogie mit ausgiebig und ergiebig gebildet.

Analogie bedeutet, dass sich ein Wort andere, ähnliche Wörter zum Vorbild nimmt und sich entsprechend verändert – dahinter steht also kein Lautgesetz.

Von geben zu giebig

Wie kam aber das ie überhaupt in diese Wörter? Warum darf freigebig erstmal nicht mitspielen?

  • ausgeben – ausgiebig
  • ergeben – ergiebig
  • frei geben – freigebig

Laut Kluge gibt es freigebig erst seit dem 16. Jahrhundert. ausgiebig und ergiebig datiert er leider nicht.

In Lexers mittelhochdeutschem Wörterbuch findet sich

gibec adj. münz die gibig und gæbig ist UHK. 2,232 (a. 1359). drei schilling, di gibich und gæbich sind UH. 393 (a. 1338).

ausgiebig und ergiebig besitzen auch hier keine eigenen Einträge und ich habe auch keine Vorkommen bei Titus o.ä. gefunden.

Aber dafür kann ich euch wenigstens erklären, woher das i in gibig kommt. Das war nämlich die westgermanische Hebung: e wurde zu i, wenn in der Silbe danach i, j oder u stand. Wie’s bei –ig ja der Fall ist. Das Wort wurde also aus geben gebildet, man nahm den Stamm, geb, und versah ihn mit einem Suffix, –ig, woraufhin man ein nagelneues Adjektiv besaß.

Fragen über Fragen

Nun ist es ja so, dass freigebig erst von geben abgeleitet wurde, als das Westgermanische schon lange rum war, die Regel war also nicht mehr aktiv. Bastelte man deshalb ganz normal ein neues geb+ig? Was war mit dem mhd. gibig, das Lexer aufführt? Ausgestorben?

Und vor allem: Warum hielt man sich nicht an die existerenden ie-Formen und bildete die Analogie sofort? Gab es ausgiebig und ergiebig wirklich schon vorher, oder sind das auch Analogien zu irgendeiner anderen Form? (Bei Wikipedia findet man ganz schön viele ausgebigs und ergebigs. Ich schätze aber, dass das eher moderne Ausgleichsformen sind.)

Ich schau mal, ob ich da noch irgendwas rauskriegen kann.

Heute: –giebig macht –gebig platt

Jetzt aber zu einer Frage, die sich leichter beantworten lässt: Wie sieht es heute mit dem tatsächlichen Gebrauch aus?

Ich habe mal eine Suche mit Cosmas II gemacht, die für die ie-Variante ca. 1/3 mehr Treffer zutage gefördert hat als für die e-Variante: 785 vs. 505. Für die Jahre 1990 bis 2008 habe ich das hier mal grafisch umgesetzt – Formen wie Freig*bigkeit wurden natürlich auch berücksichtigt:

Der mehr oder weniger parallele Verlauf der beiden Linien erscheint mir erstaunlich.

Ich habe mir mal die einzelnen Belege für das Jahr 2005 angeschaut – es könnte ja sein, dass es sich bei beiden Schreibweisen um dieselben Texte handelt und nur bei einer Zeitung “korrigiert” wurde. Fehlanzeige. Der einzige Treffer, der mit zwei Schreibweisen in beiden Suchabfragen vorkam, war aus der Wikipedia.

Es sieht also so aus, als schwanke der Bedarf am Wort freig*big für beide Varianten gemeinsam: In einem Jahr, in dem die einen es viel brauchen, brauchen es auch die anderen. Mysteriös.

Nachtrag – Rätsel gelöst

Aus nicht mehr nachvollziehbaren Gründen bin ich ursprünglich davon ausgegangen, dass die Zahl der Textwörter für alle Jahre identisch sei, was aber nicht so ist. Die Schwankungen spiegeln also nur die Schwankung der Textmenge wieder. Tausend Dank an Jan für den Hinweis in den Kommentaren! Ich habe also mal Prozente ausgerechnet, dann ergibt sich folgendes Bild:

Die e-Variante schwankt zwischen ca. 57 und ca. 20%, im Durchschnitt macht sie 36,07% aus (wenn man die Jahre 1990 und 1991 rausrechnet, bei denen weniger als 20 Belege vorliegen, sind es 35,24%). Der Anteil der e-Varianten macht also ungefähr ein Drittel aller Formen von freig*big* aus.

Zur Nachvollziehbarkeit noch die absoluten Zahlen:

Jahr e ie gesamt
1990 3 3 6
1991 4 7 11
1992 11 21 32
1993 5 17 22
1994 11 19 30
1995 10 24 34
1996 52 39 91
1997 45 61 106
1998 48 71 119
1999 46 95 141
2000 33 37 70
2001 18 38 56
2002 19 35 54
2003 20 30 50
2004 18 43 61
2005 46 74 120
2006 16 44 60
2007 13 51 64
2008 33 64 97
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4 Responses to Freigieb- oder -gebig?

  1. Hm, hast Du mal geprüft, ob die Zeiträume geringerer Nutzung der „Freigiebig-Varianten“ mit einer höheren Nutzung entsprechender Synonyme korrelieren? Also ob zum Beispiel 2004 häufiger die Worte „großzügig“ oder „“generös“ verwendet wurden?

    • Kristin sagt:

      Hm, gute Idee – ich habe mal geschaut, aber großzügig ist viel zu frequent, sodass man die beiden nicht als gegenseitig ergänzend ansehen kann. (Während für freig*big in einem Jahr maximal 150 Beispiele auftreten, hat großzügig Werte im Bereich um 20.000 herum.)

      Die Schwankungen selbst sind ja auch nicht so verwunderlich, ist halt Zufall, bei so kleinen Zahlen erstaunt es mich wenig. Was ich halt komisch finde, ist, dass die Werte gemeinsam zu schwanken scheinen.

  2. Jan sagt:

    Leider gibst du keine Maßeinheit an: Ist das ein absoluter oder relativer Wert? Ansonsten könnte sich der Parallelverlauf aus der Anzahl der Texte in der Datenbank erklären, die aus einem gegebenen Jahr stammen. Wenn z.B. 2005 insgesamt mehr Texte übernommen wurden, steigt natürlich auch der Anteil der beiden Varianten in gleichem Maße. (Ist aber reine Spekulation, vielleicht durchschaue ich da auch was nicht)

    • Kristin sagt:

      Du hast natürlich recht – es sind absolute Werte und die Zahl der Textwörter ist nicht für alle Jahre identisch (davon war ich irgendwie ausgegangen, frag mich nicht warum). Ich habe den Spaß jetzt mal in Prozente umgerechnet, was aber auch ein bißchen zweifelhaft ist, weil für einige Jahre nur sehr wenige Werte vorliegen (bes. 1990 und 1991). Da zeigt sich dann, dass die e-Variante zwischen 57 und 20% schwankt, mit einem Durchschnittsanteil von 36%.
      Ich werde das oben gleich mal einbasteln.
      Wald, Bäume …
      Vielen Dank für den Hinweis!