Videografieren mit Zielrichtung Führungs- und Einsatzmittel

Ich lese seit dem Kirchgarten immer wieder gerne Pressemeldungen auf der rheinland-pfälzischen Polizeihomepage. Dabei stechen gelegentlich ungewöhnliche Wörter (und seltener auch Formulierungen) hervor, bei denen ich vermute, dass es sich um Polizeisprache handelt.

Drei Fällen bin ich mal ein bißchen nachgegangen …

videografieren

Wegen des Zündens und Werfens von pyrotechnischen Gegenständen laufen bereits weitere Ermittlungen, der Gang durch die Unterführung wurde videografiert. (Quelle)

Zunächst mal: Was heißt es? Mir scheint, einfach nur ‚filmen‘, sei es per Überwachungskamera oder per mobiler Videokamera. Bei der Polizei passiert das natürlich besonders oft auf Demonstrationen oder im Straßenverkehr.

Die Google-Suche nach videografiert liefert ca. 15.000 Treffer auf deutschsprachigen Seiten. (Darin eingeschlossen sind auch die Schreibvariante mit <ph> und der Infinitiv.) Die Suche nach Täter videografiert führt zu etwas über 4.000 Treffern, was schon mal sehr auf einen polizeilichen Hintergrund hindeutet.

Ganz so einfach war es dann aber doch nicht: Ich habe die ersten 400 der 15.000 Treffer auf ihre Herkunft untersucht und dabei das folgende Ergebnis (in Prozent) erhalten:

Den größten Anteil macht das Wort demnach im Bereich der Lehrerausbildung und der – meist erziehungswissenschaftlichen, psychologischen und medizinischen – Forschung aus.

Die Verwendung im Sinne des Anfertigens polizeilicher Videoaufnahmen kommt auf 22 Prozent, wenn man als Quellen einerseits die Polizei selbst und die Nachrichten wertet, in denen die Polizeimeldungen i.d.R. wörtlich abgedruckt werden sowie andererseits die eindeutig polizeiinspirierten Äußerungen von Datenschützern.

Im technischen Zusammenhang wird das Wort hingegen eher selten gebraucht, ca. 12,5% der Fälle stammen z.B. aus Beschreibungen von Videokameras und entsprechenden Forendiskussionen. (Es scheint mir relativ häufig in Zusammenhang mit Unterwasserfilmen aufzutreten?)

Unter „Sonstiges“ zusammengefasst finden sich alle Fälle, in denen es in nicht-fachsprachlichem Kontext als Synonym für filmen gebraucht wurde. (Hierunter fallen auch zahlreiche videografierende Hundeschulen …)

Die Zuordnung zu den Verwendungskontexten habe ich fast ausschließlich anhand der Ausschnittsanzeige bei Google gemacht, sie ist also nicht wasserdicht.

Außerdem besteht die Gefahr, dass z.B. Websites von Schulen und Universitäten stärker im Internet vertreten sind als Websites der Polizei, was die Verhältnisse verzerren könnte. (Andererseits gibt es unglaublich viele Nachrichtenportale …)

Trotzdem scheint mir das Ergebnis zu zeigen, dass es sich um ein Verb handelt, das in erster Linie von einem eingeschränkten Benutzerkreis verwendet wird, in dessen Fachsprache es eine Rolle spielt. (Man müsste vergleichen, wie oft dieselben Kreise gefilmt benutzen. Das ist nur leider viel zu häufig …)

Eine andere Bedeutung hat das Wort in Bezug auf ein  Computerprogramm namens Videograph zu bieten, das zur Analyse von Schulunterricht und Interviews gedacht ist:

Videograph (von Rolf Rimmele) ist ein Multimedia-Player für Windows ME/2000/XP/VISTA, mit dem digitalisierte Videos oder Audios, z.B. Aufzeichnungen von Schulunterricht oder Interviews, abgespielt und gleichzeitig ausgewertet („videographiert„) werden können.

Hier ist also nicht die Anfertigung der Aufnahmen gemeint, sondern deren Analyse. Das scheint aber nicht generell im pädagogischen Kontext zu gelten, da sich dort häufig Formulierungen wie „die Unterrichtsstunde wurde videografiert(, transkribiert) und analysiert“ finden.

Zielrichtung X

Den Bezug von Zielrichtung auf konkrete Gegenstände statt auf ein abstraktes Ziel (wie der Verein hat eine soziale Zielrichtung) finde ich sehr spannend:

In der vorangegangenen Nacht gab es in Worms und im Bereich Wiesbaden insgesamt drei Einbrüche mit Zielrichtung Zigaretten. (Quelle)

Die Zigaretten stellten das Ziel des Einbruchs dar, der Einbruch zielte auf Zigaretten ab, et voilà, die Zielrichtung Zigaretten. (Zumindest kann man das aus dem Fehlen der Zigaretten schließen.)

Mit der Suche nach „Zielrichtung Polizei“ finden sich im Netz noch zahlreiche weitere Belege:

  • Hier wurden nun alle Räume und Schränke ganz offensichtlich nur mit der Zielrichtung Bargeld durchsucht. (Quelle)
  • Bei den Taten erlangte die Tätergruppe insgesamt Diebes- / Raubgut (
    Zielrichtung Tabakwaren und Bargeld ) im Wert von über 25.000 Euro. (Quelle)
  • Zielrichtung der Einbrüche war hauptsächlich Schmuck. (Quelle)

Daneben steht Zielrichtung aber auch für ‚Ziel‘ bzw. ‚Absicht‘ ganz generell:

  • In allen Fällen war die Zielrichtung des Täters offenbar die Erlangung von Bargeld und elektronischen Geräten (Laptops). (Quelle)
  • Der Mann hatte sich den Frauen genähert und sie dann plötzlich mit sexueller Zielrichtung berührt. (Quelle)
  • Sie beinhaltet die Aufforderung, die Castor-Schienen im Wendland für den Transport zu unterhöhlen. Gegen Unterzeichner einer im Internet veröffentlichten Liste mit gleicher Zielrichtung hat die Staatsanwaltschaft Lüneburg bereits Ermittlungsverfahren […] eingeleitet. (Quelle)
  • Weitere Zielrichtung der Maßnahme war aber auch die Überprüfung auf gestohlene Fahrräder.  (Quelle)

Mir ist vor lauter Zielrichtungen dummerweise jegliche sprachliche Intuition abhanden gekommen, wie das Wort denn in Nicht-Polizei-Kontexten verwendet werden kann …

Führungs- und Einsatzmittel

Und noch eine kurze Sache zum Schluss:

In ihrer Not rief sie die Polizei zu Hilfe, die mit geeigneten Führungs- und Einsatzmitteln (einer Plastikdose mit Deckel) die Fledermaus einfing und diese trotz Protest in Schutzgewahrsam nahm. (Quelle)

Großartig selbstironisch. Das Führungs- und Einsatzmittel ist laut Wikipedia tatsächlich eine feste Bezeichnung für

Arbeitsmittel und Werkzeuge, die der Polizei, der Feuerwehr, dem Rettungsdienst und anderen Hilfsorganisationen dazu dienen, einen Einsatz zu bewältigen beziehungsweise zu führen.

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