Wie man ein Korpus zusammenstückelt und einen Teufelspakt schließt

Ich bin momentan dabei, eine Sammlung frühneuhochdeutscher Texte (ein „Korpus“), aus denen man idealerweise Aussagen über das Deutsch der damaligen Zeit ableiten kann, für mein Dissertationsvorhaben anzupassen. Das Korpus wurde ursprünglich zusammengestellt, um die Entstehung der Substantivgroßschreibung zu untersuchen, deshalb machte es z.B. nichts aus, dass auch übersetzte Texte darin enthalten waren. Bei meiner Fragestellung habe ich aber ein bißchen Angst, dass die Wort- und Satzstruktur durch direkte lateinische Vorlagen beeinflusst sein könnte. Deshalb werfe ich übersetzte Texte raus und nehme andere rein.

Ich war also in der letzten Zeit viel auf der Suche nach passenden Texten – sie müssen aus bestimmten Zeitspannen sein, als Drucke vorliegen und von bestimmten Druckorten (oder wenigstens aus deren Dialektgebiet) stammen. Ach ja, Gereimtes darf auch nicht. Und mindestens 4000 Wörter lang. Und sie müssen Originale oder Faksimiles als Vorlage haben.

Perfekt sind Texte, die elektronisch vorliegen, wie z.B. die Texte des Bonner Frühneuhochdeutschkorpus. Auch bei Wikisource findet sich für vergangene Jahrhunderte einiges, was sorgfältig von den Originalen abgetippt und korrekturgelesen wurde und sich damit auch bei Unsicherheiten immer vergleichen lässt. Weniger perfekt, aber als Lückenfüller geeignet ist auch GoogleBooks – die Texterkennung, die man über die alten Drucke gejagt hat, taugt zwar für Fraktur nichts, aber man kann sich viele alte Bücher als Pdf runterladen und dann per Auge durchsuchen. Ansonsten gibt es auch noch eine ganze Reihe von Unibibliotheken, die ihre alten Drucke und Manuskripte als Bilder digitalisieren, z.B. Heidelberg und Göttingen. (Heidelberg hat auch eine enorm ausführliche Linkliste zum Thema.)

Auf meiner Suche habe ich viele Texte angelesen – auch welche, die gar nicht geeignet, aber dafür sehr kurios sind. Zum Beispiel diesen (Foto von Historiograf):

Ich, David Leipzig von Erffurdt aus Thuringen, schreibe und thue dir kunt, Awerhan in der Hellen, das ich mit dir will einen Pact machen und dein sein will, wen du mir itzundt, wen ich wieder heim kome, 3 goltgulden zu dem brief legen wirst, und darnach mit mir das wirst eingehen, waz ich begere. Bin einer Antwort gewertigk. (Quelle Wikisource)

Auf die glorreiche Idee, sich per Teufelspakt aus finanziellen Schwierigkeiten zu befreien, kam der Student durch zu viel Bildung – das Volksbuch Historia vnd Geschicht Doctor Johannis Faustj diente ihm laut Wikisource als Inspiration.

Der Text ist wahrscheinlich problemlos verständlich, vielleicht abgesehen von Awerhan in der Hellen. Helle ist eine ältere Form von ‘Hölle’ – e und ö unterscheiden sich nur dadurch, dass bei letzterem die Lippen rund sind, bei ersterem nicht, der Weg zum ö war also nicht weit. Diese Rundung haben wir so einigen Wörtern übergestülpt, z.B. zwölf (von zwelf), Löwe (von lewe) und schöpfen (von schepfen). Den alten Lautstand kann man z.B. noch am engl. hell oder twelve sehen. Awerhan muss ‘Auerhahn’ heißen, die genaue Verbindung zum Teufel ist mir aber unklar, vielleicht über den Hahn als Zeichen für Feuer etc.

Ach ja: itzund heißt ‘jetzt’ und geht lautlich auch darauf zurück. Das DWB gibt als Formengeschichte an: i(e)tzet ‚jetzt‘ > i(e)tzent > i(e)tzund.

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4 Antworten zu Wie man ein Korpus zusammenstückelt und einen Teufelspakt schließt

  1. Stefan H. sagt:

    Im zweiten Teil der „Historia“ nennt sich der Teufel Auerhahn, wie schon aus dem wunderbar langen Titel hervorgeht: „Ander theil D. Johann Fausti Historien darin beschrieben ist: Christophori Wagners, Fausti gewesenen Discipels auffgerichteter Pakt mit dem Teuffel, so sich genandt Auerhan, vnd jhm in eines Affen gestalt erschienen, auch seine Abenthewrische Zoten vnd possen, so er durch beforderung des Teuffels geübet vnd was es mit jhm zuletzt für ein schreckliches ende genommen.“

    • Kristin sagt:

      Aaaaah! Tausend Dank!!
      Aber warum der Teufel sich wohl so nannte? Muss vielleicht doch mal lesen gehen …

      • JJ sagt:

        »vnd was es mit jhm zuletzt für ein schreckliches ende genommen« – in der Tat.
        Vorsicht, Spoiler!

        »Wie es nun tag ward / […] seind Sie jnn die Stuben ganngen / Darjnn Doctor Faustus gewesen / sahen sie kein Faustum mehr / sonder nichts dann die Stuben Voller Bluett / Das hyrn klebt an der wand Dann der Feindt jn von einer Wand zu der Andern geschlagen hett / jtem seine Augen Da/ vnnd ettliche zeen ein greuliches Spectacul.«
        Echter Torture Porn …

  2. lukas sagt:

    Also, den schwarzen Hahn mit rotem Kamm kenne ich auch als Teufelserscheinung. Ich denke, das kommt noch von den alten Römern, kann aber auf die Schnelle jetzt nichts finden in meinem Tacitus.