Mini-Feldforschungsrätsel

Heute habe ich euch, frisch von meinen Exkursionen ins wilde Alemannien, zwei kleine Szenen mitgebracht. Sie spielen sich in Anbetracht der aktuellen Witterung tagtäglich tausendfach ab:

»Essen wir … ?« — »Nein, … !«

Meine erste Idee war, die Gespräche ins Hochdeutsche zu übersetzten und zu erklären, was der Unterschied zum Dialekt ist, aber … vielleicht habt ihr ja Lust? Ich überlasse euch die mühevoll extrahierten Sprachdaten mal zur Betrachtung – was ist daran auffällig? Kommentare willkommen! (Ich mache sie aber erst morgen sichtbar, sonst kommen hier gleich die Muttersprachlerinnen und dann gibts nix mehr zu rätseln …)

Wer einen guten Tipp braucht, wird hinter dem Umbruch fündig.

Zum Lesen markieren:

Würden diese beiden Gespräche auf Hochdeutsch geführt, so hätte man auf einmal nur noch eines: Beides wird gleich übersetzt.

26 Antworten zu Mini-Feldforschungsrätsel

  1. Fabian sagt:

    Mann, ich wollte genau das schreiben, was du als Tipp schon geschrieben hast (zum Glück hab ich vorher doch mal den Text markiert…) Das jetzt hier zu übersetzen, macht also keinen Sinn, aber ich würde sagen, dass die beiden Wörter „husse“ und „hinn“ – auch erkennbar am Anfangsbuchstaben – das „hier“ mit implizieren („Essen wir hier drin? Nein, hier draußen!“), und das im Gegensatz die Wörter „drin“ und „drusse“ – wiederum mit Hinblick auf den Anfangsbuchstaben – das „dort“ mittragen: „Essen wir dort draußen? Nein, dort draußen!“
    Viele Grüße, Fabian

  2. Nightstallion sagt:

    … ich bin nicht der Meinung, dass diese Gespräche im Standarddeutschen gleich lauten würden. „Heraußen“/„herinnen“ vs „draußen“/„drinnen“ gibt es in meinem Sprachgebrauch auch im Standarddeutschen als Unterscheidung.

  3. Fabian sagt:

    Der letzte Satz müsste natürlich heißen: „Essen wir dort drin? Nein, dort draußen!“ :-)

  4. Jens sagt:

    „hinn“ ist ein zusammengezogenes „hier drinnen“ und „husse“ ein zusammengezogenes „hier draußen“, oder?

    Und das andere ist in Hochsprache einfach „drinnen“ und „draußen“. Aber das ist ggf. aus „da“+“innen“/“außen“ entstanden?

  5. David Gerards sagt:

    Hehe, schönes Beispiel, me like wie der der Ergative sagt :-P

    Ich würde meinen: verschiedene sprachliche Kodierung der Kategorie „Raum“, raumdeiktisches Element ändert sich in Abhängigkeit vom Standpunkt des Sprechers (Sprecher also Verankerungspunkt der Deixis im Sinne eines „deiktischen Nullpunkts)

    I) h-Formen „husse“ / „hinn“, etymologisch Beim Sprecher, Verweispunkt/Objekt/Referent der Deixis also in der gleichen konzeptionellen räumlichen Bezugskategorie INNEN bzw. AUSSEN befindlich wie der Sprecher selbst…

    II) d-Formen, etym. vom Sprecher entfernt, Verweispunkt/Objekt/Referent der Deixis also nicht in der gleichen konzeptionellen räumlichen Bezugskategorie INNEN bzw. AUSSEN befindlich wie der Sprecher…

    Oder? Grüße aus Spanien, David.

  6. David Gerards sagt:

    Irgendwie zeigt es meine Etymologievorschläge nicht an, seltsam. Ich glaube also

    h-Formen „husse“ / „hinn“, etymologisch < hier (?) + aussen / innen

    d-Formen, etym. < da / dort (?) + aussen / innen

    Was meinen die, die wirklich Ahnung davon haben?

  7. Kristin sagt:

    Nachtrag: Habe Dialog 2 eben korrigiert, es heißt dusse, nicht drusse. Sollte aber für die Analyse keinen Unterschied machen.

  8. Eva sagt:

    Das eine ist das eine und das andere ist das andere. Oui?

  9. André M. sagt:

    Hallo Kristin!

    Scheint, als wird „drinnen“ und „draußen“ (auf Standarddeutsch) im Alemannischen nochmal über die Nähe zum Sprecher unterschieden, wie man das im Standarddeutschen ja auch mit „hier“ und „da/dort“ macht.
    Ich tät’s also mal so wörtlich/etymologisch übersetzen:

    a) Essen wir hier-innen? — Nein, hier-außen!
    b) Essen wir da-innen? — Nein, da-außen!

    Auffällig ist, dass man in anderen Dialekten bzw. im Standarddeutschen in diesem Fällen nur „drinnen“ (< da(r)-innen) und "draußen" (< da(r)-außen) benutzt und es die Unterscheidung nicht gibt.

    Interessante Sache! :)

  10. Mehmet Aydin sagt:

    Scheint ja auf jeden Fall was mit Lokaldeixis zu sein.
    Also „hinn“ und „husse“ wird dann wohl benutzt, wenn der Sprecher selbst drinnen bzw. draußen ist, also ‚hier drinnen‘ und ‚hier draußen‘; und „drin“ und „dusse“, wenn nicht, also ‚dort drinnen‘ und ‚dort draußen‘.
    Aber was macht man dann, wenn man drinnen ist, aber über ein anderes Drinnen redet? Also z.B. wenn ich zuhause bin und jemanden anrufe und frage, ob wir später bei ihm/ihr drinnen oder draußen essen?
    Der Standpunkt des Hörers spielt aber keine Rolle, oder? Also wenn wir beide drinnen sind und ich frage, ob wir draußen essen, dann nehm ich doch auch „dusse“, oder?

  11. Carsten B. sagt:

    Ich würde mal tippen, man könnte das mit hier- und da- begründen, also:

    1. A: Essen wir (hier) drinnen? — B: Nein, (hier) draußen.
    2. A: Essen wir (da) drinnen? — B: Nein, (da) draußen.

    Meine Mutter hat als Kind zwar Alemannisch als „Zweitdialekt“ gelernt, hat es aber nie mit meiner Familie gesprochen – ihre Eltern kamen selbst eigentlich aus dem Ruhrgebiet.

  12. Achim sagt:

    Die Lokaladverbien enthalten ein deiktisches Element: h- für die „Nahdeixis“, dr- für die „Ferndeixis“.

  13. lukas sagt:

    Sind „herinnen“ und „heraußen“ denn kein Hochdeutsch? Gebräuchlich sind sie vielleicht nicht, aber stolpern würde ich darüber in einem modernen standardsprachlichen Text nicht.

  14. thf sagt:

    Ich hab‘ ja keine Ahnung vom Alemannischen, würd’s aber so umschreiben.

    Bild1:
    A. Essen wir (hier) drinnen?
    B. Nein, wir essen (hier) draußen.

    Bild2:
    C. Essen wir (da) drinnen?
    D. Nein, wir essen (da) draußen.

    Vor allem C & D sind allerdings recht markiert.

  15. „Essen wir hier drinnen?“ – „Nein, hier draußen!“
    vs.
    „Essen wir dort drinnen?“ – „Nein, dort draußen!“

  16. DrNI sagt:

    Ja, das ist mir als schwäbischem Muttersprachler auch schon aufgefallen. Wobei ich das Gefühl habe, dass das Phänomen verschwindet.

  17. poppy sagt:

    Also, ich glaube Bild 1 heißt:
    Essen wir hier drinnen?
    Nein, hier draußen!

    Bild 2 heißt:
    Essen wir dort drinnen?
    Nein, dort draußen!

  18. Nightstallion sagt:

    Ich bleibe dabei: In „meinem“ Standarddeutsch (österreichisches Deutsch) gibt es sowohl „heraußen“/„herinnen“ als auch „draußen“/„drinnen“.

    Aha, laut Wiktionary (http://de.wiktionary.org/wiki/her- ) ist das tatsächlich nur Süddeutsch. Das erklärt meine Verwunderung.

  19. Mir fällt nur grade wieder auf, wie sehr mir das vertraut vorkommt…

    ess mer hinn(e)? Nä, haun!
    ess mer drinn(e)? Nä, draun!
    ess mer hinn(e)? Nä, draun!
    ess mer drinn(e)? Nä, haun!

    Irgendwie kann ich alles sagen… Sicher, dass die letzen beiden Entsprechungen im Allemannischen ausgeschlossen sind?

  20. Christian Wegmann sagt:

    Als Südpfälzer benutze ich auch den unterschied zwischen „hier“ und „da“ („hinn“ vs. „drinne“; „hauß“ vs. „drauße“). Als Kind wollte mir nie einleuchten, dass man Hausschuhe drinnen anzieht, weil doch das „Haus-“ eigentlich anzeigen sollte, dass man sie „hauß“, also draußen anzieht.^^
    Dasselbe „h-„/“dr-“ gibt es übrigens auch bei „oben“ und „unten“. Wenn ich oben bin, sage ich „hoben“ und „drunten“, wenn ich unten bin, sage ich „hunten“ und „droben“.
    (Auch noch: „hüben“/“drüben“.)

  21. Nightstallion sagt:

    Mh, „drunten“/„droben“ ist in meiner Standardvarietät umgangssprachlich/dialektal; „herunten“/„heroben“/„herüben“ standardsprachlich. „Drüben“ kann ich schwer zuordnen, das steht so grad an der Kippe.