Frohe linguistische Weihnachten!

24. Dezember 2009

Die Bescherung ist vorbei:

Heute Abend will ich noch schnell eine Frage klären, und zwar warum es Weihnachten heißt. Das ist eine alte Pluralform, aber der Plural müsste ja eigentlich *Weihnächte lauten.

Das Wort Nacht war ursprünglich (im Althochdeutschen) ein sogenanntes “Wurzelnomen” und hatte überhaupt keine Pluralendung. Es hieß also in Ein- und Mehrzahl diu naht. Das war natürlich äußerst unpraktisch, weil man weder am Substantiv selbst, noch an umgebenden Adjektiven o.ä. erkennen konnte, um welchen Numerus es sich handelte.

Im Mittelhochdeutschen guckte das Wort sich daher ein anderes Verfahren bei einer anderen Gruppe von Substantiven ab: Die Kombination von Umlaut und –e, die z.B. bei MachtMächte existierte. Viel praktischer. NachtNächte.

Das war aber nicht das einzige Vorbild: In einigen Gegenden schaute sich Nacht bei Wörtern wie Gaben die Endung –en ab. Die gab es damals aber noch nicht im kompletten Plural, sondern nur im Genitiv und Dativ: Später veränderte sich diese Gruppe weiter, sodass es zur Endung –en im ganzen Plural kam, aber da war die Nacht schon nicht mehr mit von der Partie, sie hatte sich in Nächte verwandelt.

Jetzt stellt sich nur noch die Frage, warum es Weihnachten heißt, wenn das –en doch nur im Genitiv und Dativ auftauchte. Die Antwort? Weihnachten war einmal eine Konstruktion, und zwar ze den wîhen nachten ‘zu/an den geweihten/heiligen Nächten’. Man feierte nicht nur eine Nacht lang! Die Präposition ze forderte, wie zu heute, den Dativ, und der besaß die Endung.

Diese Konstruktion wurde so intensiv gebraucht, dass die Wörter wîhen nachten zusammenwuchsen und Weihnachten bildeten (das nennt man “Univerbierung”). Dabei bewahrten sie den alten Dativ Plural.

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Lämmer, Kälber, Hühner: Der Plural auf -er

16. Dezember 2009

Ich verspreche, dass es hier auch mal wieder Themen geben wird, bei denen es nicht um Substantivflexion geht. Wirklich! Aber heute will ich Euch erzählen, woher unsere Pluralendung –er kommt – die hatte nämlich mal eine ganz andere Funktion.

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[Buchtipp] The Unfolding of Language (Du Jane, ich Goethe)

1. September 2009

Language is mankind’s greatest invention – except, of course, that it was never invented. (Guy Deutscher)

Schon wieder ein Buchtipp! Ui! Heute will ich Euch “The Unfolding of Language” von Guy Deutscher ans Herz legen. Ich hab’s auf Englisch gelesen, es gibt aber auch eine deutsche Übersetzung: “Du Jane, ich Goethe”. Keine Angst, der Inhalt wurde bedeutend besser übersetzt als der Titel befürchten lässt, ich hab mal in der Buchhandlung reingelesen.

The Unfolding of Language

The Unfolding of Language

Worum geht es? Darum, wie Sprache entsteht und sich verändert. Deutscher hat als großes Ziel vor Augen zu erklären, wie komplizierte Satzstrukturen und Grammatik entstanden sein könnten. Da die Entstehung der Sprache viel zu lange her ist, um darüber irgendwelche Aussagen zu treffen, wählt Deutscher “neuere” Beispiele aus ganz verschiedenen Sprachen, nur wenige Jahrhunderte oder Jahrtausende alt. Die allgemeinen Prinzipien, die darin wirken, vermutet er auch schon zu früheren Zeiten. Der unter Laien verbreiteten Ansicht, dass unsere Sprache einmal perfekt war und jetzt nur noch verfällt, widerspricht er entschieden.

Das Buch kommt komplett ohne Fachtermini aus – und ist dennoch wissenschaftlich fundiert. (Grammatikalisierung, Analogiebildung und Ökonomie spielen z.B. eine große Rolle.) Ich hatte eine Menge Spaß beim Lesen, und das, obwohl ich die meisten präsentierten Fakten und Gedanken schon kannte – es ist einfach richtig gut geschrieben und clever aufgebaut. Mein persönliches Highlight war die Theorie zur Entstehung der Wurzelkonsonanten im Arabischen, ein Thema, über das ich mir noch nie Gedanken gemacht hatte.

Deutschen würde ich übrigens eher zur deutschen Ausgabe raten, die keine bloße Übersetzung ist. Viele Grundlagen werden nämlich im Original an kleinen Beispielen aus dem Englischen erklärt. Für die deutsche Übersetzung wurde, wo es möglich war, nach deutschen Beispielen gesucht, die das gleiche zeigen. So geht es zum Beispiel einmal darum, dass im Englischen die Entwicklung von th zu f eigentlich ganz naheliegend ist und auch in einigen Dialekten vorkommt. Den Laut th gibt es im Deutschen aber nicht, so dass schließlich p zu b gewählt wurde, etwas, das man z.B. im Hessischen beobachten kann.

Wer sich für Sprache und Sprachen interessiert, dem kann ich das Buch wirklich nur empfehlen!


Welli? Selli! Rätsellösen mit der Mittelhochdeutschen Grammatik

24. August 2009

Hansi, der Gewinner der Schplock-Jubiläumsverlosung 2009, hat sich nicht damit begnügt, ein Buch von mir geschickt zu bekommen – nein, er hat mir auch postwendend ein Buch zurückgeschickt. Jippie! Und zwar die Mittelhochdeutsche Grammatik von Paul/Mitzka in der 18. Auflage, die (und deren Nachfolgerinnen) ich tatsächlich noch nicht besaß. Ich habe mich enorm gefreut und gleich angefangen, zu lesen. Bereits auf Seite 27 habe ich dann etwas herausgefunden, was ich Euch auf keinen Fall vorenthalten will …

Im Alemannischen gibt es die Wörter seller, selli, sell. Sie entsprechen ungefähr dem hochdeutschen ‘jener, jene, jenes’/‘dieser, diese, dieses’/‘der, die, das’. Das sind Demonstrativpronomen, aber zu dem Thema schreibe ich mal gesondert was. Jetzt geht es nur darum, dass ich jahrelang gerätselt habe, woher die Formen kommen.

Hier ein Beispiel aus meinen Aufnahmen für die Magisterarbeit – ich hatte danach gefragt, welche Spiele es früher gab:

Un die Kardeschbiile, des hämmer au gho. Des het mo gwänlich vun de Vewonde irgendwie mol gschengt griegt, waisch, un … ja. Sell hämmer au gho. Un mer hänau fil gschbielt …

[Und diese Kartenspiele, das haben wir auch gehabt. Das hat man gewöhnlich von den Verwandten irgendwie mal geschenkt gekriegt, weißt du, und … ja. Das haben wir auch gehabt. Und wir haben auch viel gespielt …]1

Formal hat sell weder mit dies noch mit jenes etwas gemein, und sonst ist mir auch kein neuhochdeutsches Wort eingefallen, dem es entsprechen könnte. Ich habe immer mal wieder von Leuten den Vorschlag gehört, es könnte mit dem französischen cela ‘das’ oder celle, celui ‘die, der’ zu tun haben. Da ist aber nichts dran. Es gibt ein hochdeutsches Wort. Die Mittelhochdeutsche Grammatik hat mir auf die Sprünge geholfen:

Die neuhochdeutsche Entsprechung ist solcher (solche, solches). Im Althochdeutschen lautete es noch solihêr oder solher2. Es gab aber die Tendenz dazu, ein h in unbetonter Silbe nur noch ganz schwach und schließlich gar nicht mehr auszusprechen. Das führte zur südalemannischen Form solêr.

Gleichzeitig machte auch das Wort welcher in seiner althochdeutschen Form uuelihêr, uuelher3 diese Entwicklung mit und wurde zu weler. (Auch das gibt es noch heute als weller, welli, wells.)

Und schließlich nahm sich soler das weler zum Vorbild und beseitigte das o zugunsten des e-Lautes. Das nennt man Analogie, das eine Wort benutzt das andere als Muster, um mehr Regelmäßigkeit in die Formen zu bringen.

Seller übernahm schließlich im Alemannischen die Funktions des Demonstrativpronomens, in Aufgabenteilung mit den Artikeln. Die alten Demonstrativpronomen dieser und jener finden sich im Dialekt überhaupt nicht mehr. Und wenn man die ursprüngliche Bedeutung ‘solcher’ ausdrücken will, sagt man einfach so einer.

Heute Nacht werde ich ruhig schlafen können.

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