Sprachkontakt im Deutschen? *gähn*

1. Februar 2011

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Oma, Großvater, Näni, Groma (Verwandtschaftstrilogie Teil 3)

2. April 2009

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Ein Kuddelmuddel: Die Großverwandten (Verwandtschaftstrilogie Teil 2)

1. April 2009

Teil 1 | Teil 2 | Teil 3

Mein Bruder und ich haben einige Großcousins und -kusinen. Wir meinen damit die Enkel der Geschwister unserer Großeltern – ganz besonders aus einer bestimmten Familie, weil wir mit den Kindern teilweise in die Schule gingen. Wir haben auch ein paar Großtanten und Großonkel, aber das sind nicht die Eltern der Großkusinen/-cousins, sondern deren Großeltern. Hm, seltsam. Wer sind denn dann die Kusinen oder Cousins unserer Eltern? Dafür haben wir keine Bezeichnungen, wahrscheinlich auch, weil sie in unserem Leben nie wirklich eine Rolle gespielt haben.

groskusine1

Großverwandte in Kristins Familie

Was sagen nun meine Versuchspersonen?

Großkusinen und -cousins

Was versteht Ihr unter “Großkusine”?

Es gab 13 Personen, die die Bezeichnung Großkusine nicht kannten und zusätzlich 3, die die Bezeichnung nie verwenden. Diese Antworten blieben unberücksichtigt. Manchmal wurden mehrere Möglichkeiten angegeben, die habe ich alle berücksichtigt. Ein schönes Synonym für Großkusine habe ich bei alldem auch noch gelernt: Cous-Cousine. Kennt das noch wer?

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Eine Großkusine ist ...

Ihr seht, der Kampf tobt in erster Linie zwischen den Kusinen der Eltern und deren Töchtern. Die VertreterInnen der Kusine-der-Eltern-Franktion argumentierten häufig damit, dass die Tochter der Großtante natürlich die Großkusine sein müsse.

Die VertreterInnen der Enkelin-der-Großtante-Franktion (wie ich) argumentierten hingegen damit, dass jemand, der mit –kusine bezeichnet wird, derselben Generation angehören müsse wie man selbst.

Besonders interessant fand ich zwei Antworten:

  • alle (weiblichen) Verwandten die ich zur meiner eigenen Generation zähle, und bei denen die Verwandtschaftsbeziehung weiter ist als Schwester/Kusine
  • Ich wuerde mal sagen, dass Großkusinen bei mir all jene Verwandte sind, die irgendwie verwandt mit mir sind und noch dazu weiblich in meiner (groben) Altersklasse. Falls zu alt werden sie dann Grosstanten. Maennlich entsprechend.

Diese beiden unterstützen die Enkelin-der-Großtante-Fraktion, sind aber noch radikaler: Die Großkusine ist einfach eine entfernte weibliche Verwandte gleichen Alters.

Viele Leute schrieben über ihren Gebrauch und setzten dazu, dass sie sich nicht sicher seien, ob sie das Wort richtig gebrauchten oder gar, dass sie sich sicher seien, dass sie es falsch gebrauchten. Ich glaube allerdings, dass es gar keinen eindeutigen Gebrauch gibt, und die Antworten bestärken mich darin. Ich kann Euch auch nur allen raten, Großcousin zu googlen und die diversen Forumsbeiträge dazu nachzulesen: Man fühlt sich wie bei Loriot! Auch alle angegebenen “Quellen” scheinen nur jeweils den persönliche Gebrauch der AutorInnen widerzuspiegeln.

Und für alle, die auch noch abstimmen wollen:

Großtanten und -onkel

Vorweg ein schneller Blick ins Deutsche Wörterbuch der Grimms, das einen älteren Sprachstand widergibt:

  • grosztante, f., schwester des groszvaters oder der groszmutter
  • groszbase, f., avita magna, soror avi [= Schwester des Großvaters]
  • groszmuhme, f.: die grosmuhm matertera magna, aviae soror […] so viel als der grosze-mutter schwester
  • groszonkel, m., was groszoheim
  • groszoheim, m., avunculus magnus, aviae frater [= Bruder der Großmutter]
  • groszvetter, m., patruus magnus, avi paterni vel materni frater [= Bruder des Großvaters]

Oh, diese Unsitte der lateinischen Umschreibungen in der Lexikographie! Ich habe sinngemäß übersetzt, nach diesem Wörterbuch.

Das ergibt folgendes Bild:

grostantegrimm

Dass danach unterschieden wird, ob es Geschwister der Großmutter oder des Großvaters sind, ähnelt dem Prinzip bei den Geschwistern der Eltern, das ich für das Alt- und Mittelhochdeutsche schon erläutert habe. Die Bezeichnungen wandern quasi eine Generation “nach oben” und werden mit Groß– versehen, also alles schön parallel. (Großcousin(e) findet sich bei den Grimms überhaupt nicht, nicht einmal für Cousin(e) gibt es einen Eintrag – letztere tauchen aber wenigstens gelegentlich in Beispielsätzen auf.)

Das damals gezeichnete Bild gilt, mit den Bezeichnungen Großtante und –onkel, heute noch immer. Meine Versuchspersonen waren sich hier viel, viel einiger:

Was [versteht Ihr] unter „Großtante“?

grostantetorte

Vielleicht nicht so seltsam, dass hier alles viel klarer scheint – die Bezeichnung scheint es ja auch schon viel länger zu geben, wenn man sich danach richtet, dass das Grimmsche Wörterbuch sie, im Gegensatz zu Großkusinen und -cousins, kennt.

Wie bei Tante und Onkel auch, erwähnen hier manche, dass auch die Ehepartnerinnen der entsprechenden männlichen Person Großtanten sein können, das habe ich aber nicht systematisch verfolgt.

Und für weitere Abstimmungen:


Von meiner Tante der Mann (Verwandtschaftstrilogie Teil 1)

31. März 2009

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… wie meine Muhme, die berühmte Schlange.

20. März 2009

Von meiner Germanistik-Verwandtschaftshausarbeit sind ein paar Bröckchen fürs Schplock abgefallen. Es geht um den Wandel der Typologie von Verwandtschaftssystemen – also nicht darum, wie sich einzelne Wörter verändern (wobei ich darauf auch ein wenig eingehen will), sondern darum, wie sich komplette Systeme verändern. Und da kann sich erstaunlich viel tun. Ich will heute nur auf einen kleinen Teilaspekt eingehen, der die Elterngeneration (auch G+1 genannt) betrifft.

Dort werden im heutigen Deutsch zwischen Blutsverwandten zwei Unterscheidungen getroffen:

  • Frau oder Mann? Mutter, Tante vs. Vater, Onkel
  • In direkter Linie verwandt oder nicht? Vater, Mutter vs. Tante, Onkel

Da drang ein Dutzend Anverwandten / Herein, ein wahrer Menschenstrom!

Im Althochdeutschen gab es noch eine weitere Unterscheidung:

  • Frau oder Mann? muoter, muoma, basa vs. fater, fetiro, oheim
  • In direkter Linie verwandt oder nicht? muoter, fater vs. muoma, basa, fetiro, oheim
  • Mütterlicherseits oder väterlicherseits? muoma, oheim vs. basa, fetiro

Die vier Bezeichnungen für die Geschwister der Eltern lauteten also:

(1) muoma ‘Schwester der Mutter’
(2) basa ‘Schwester des Vaters’
(3) fetiro ‘Bruder des Vaters’
(4) oheim ‘Bruder der Mutter’

Und hier für Leute, die es lieber visuell haben:

verwahd

Ahd. Verwandtschaftssystem nach Nübling et al. (2006)

Ein solches System nennt man auch bifurcate collateral type.

Da kamen Brüder, guckten Tanten, …”

Die Unterscheidung mütterlicherseits/väterlicherseits ist heute also verschwunden. Wenn man sich die Wörter anschaut, dann kommen sie einem aber alle noch bekannt vor. Wie kommt’s?

In meiner Abbildung habe ich die Cousins und Kusinen unterschlagen. Die gab es in althochdeutscher Zeit natürlich auch schon, unter anderem Namen. Wahrscheinlich hießen sie muomensun etc., waren also zusammengesetzte Bezeichnungen – besonders viele Quellen gibt es aber nicht gerade, ich habe nur einen Aufsatz von 1900 gefunden, der die Formen erwähnt, die meisten Darstellungen lassen sie einfach weg.

Schließlich kam es zu einem Bedeutungswandel. In einem ersten Schritt begann man, die Bezeichnungen für die Geschwister der Eltern auch für deren Kinder zu verwenden – die Tochter von Base oder Vetter (wir sind jetzt schon im Frühneuhochdeutschen!) wurde auch zur Base, der Sohn von Oheim und Muhme auch zum Oheim, etc. Die Bezeichnungen hatten jetzt also zwei Bedeutungen. Nach einem wilden Kuddelmuddel einigten sich die Begriffe dann endlich: Oheim und Muhme durften Bruder oder Schwester der Eltern bezeichnen, egal auf welcher Seite, und Base und Vetter bekamen den Job, deren Kinder zu übernehmen. Damit sind wir typologisch bei unserem heutigen System angelangt: Es wird zwar unterschieden, ob Schwester oder Bruder der Eltern, aber nicht von welcher Seite. Das nennt man auch lineal type. Von da an gab es nur noch auf der Wortebene Veränderungen:

… Da stand ein Vetter und ein Ohm!

Der Familiensegen stand bald schon wieder schief: Muhme und Oheim bekamen harte Konkurrenz, die neumodischen Bezeichnungen Tante und Onkel, aus dem Französischen entlehnt, machten sich ab Mitte des 17./Anfang des 18. Jahrhunderts breit. Ungefähr Mitte des 20. Jahrhunderts war die Schlacht dann geschlagen, Tante und Onkel gingen siegreich hervor.

Auch Base und Vetter hatten zwischenzeitlich keine Ruhe gefunden, Anfang bis Mitte des 17. Jahrhunderts kamen Cousine und Cousin zu Besuch, und es gefiel ihnen so gut, dass sie blieben. Die Base warf Mitte des 20. Jahrhunderts das Handtuch, der Vetter führt noch Rückzugsgefechte.

2009-03-20-verwfnhd

(Früh-)Neuhochdeutsches Verwandtschaftssystem

Im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache habe ich mal ein bißchen herumprobiert, in der Hoffnung, den Niedergang von Muhme, Oheim, Base und Vetter sichtbar machen zu können. Base musste ich gleich rauswerfen, da waren zu viele Treffer mit der chemischen Bedeutung drunter. Muhme hatte kaum Treffer, Oheim und Vetter gingen so. Hier mal exemplarisch der Oheim – aufgrund der geringen Trefferzahl ist das Diagramm aber nur dazu geeignet, einen groben Eindruck zu bekommen:

oheimgrafik

Den Aufstieg von Onkel, Tante, Cousin und Kusine kann man leider nicht nachverfolgen, zumindest sehen die Unterschiede für mich völlig insignifikant aus. An den Zahlen kann man im Vergleich aber ganz gut sehen, welche Form sich durchgesetzt hat, nur eine Zunahme ist eben nicht erkennbar. Hier der Onkel1:

onkelgrafik

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