[Lesetipp] Anglizismenintegration als kulturelle Leistung

12. November 2010

Die Bild-Zeitung regt sich momentan über englische Berufsbezeichnungen in deutschen Stellenanzeigen auf, im Zuge einer überaus albernen Deutsch-ins-Grundgesetz-Aktion (zum SprachlogKommentar dazu). Heute greift der Unispiegel das Berufsbezeichnungsthema mit einem Miniinterview auf. Befragt wird Carolin Kruff, die in Aachen dazu promoviert. Das Schönste nehme ich schon vorweg:

UniSPIEGEL: Verhunzen solche Wortkreationen die deutsche Sprache?

Kruff: Im Gegenteil. Ich sehe das eher als kulturelle Leistung. Wir integrieren Anglizismen in den meisten Fällen sehr gut in die deutsche Sprache und halten sie so lebendig. Von einer Bedrohung der deutschen Sprache durch Anglizismen sind wir momentan weit entfernt.

Wer sich für Frau Kruffs Arbeit näher interessiert, kann hier ein fünfseitiges Exposé lesen.


Sexismusverdacht

20. Oktober 2010

In letzter Zeit geraten immer wieder Leute her, weil es irgendwo eine (meist niveaulose) Debatte zu Sexismus gibt. Im Laufe ebendieser zaubert jemand die “dämlich kommt von Dame”-Behauptung aus dem Hut und prompt schreibt jemand anders: “Nein, dämlich ist nicht sexistisch, das kommt nämlich gar nicht von Dame!” Drunter dann ein Link zum einschlägigen Schplock-Beitrag.

Aber ist es so leicht?

Dass dämlich nicht von Dame kommt, ja klar – aber ist es deshalb auch definitiv nicht sexistisch? Den Rest des Beitrags lesen »


StuTS-Status & Top-100-Language-Blogs-Wahl

14. Mai 2010

Es ist tatsächlich StuTS. Irgendwie nach einem Jahr Vorbereitung sehr unreal, dass es jetzt wirklich so weit ist.

Ich habe heute eine Menge Vorträge gehört und sie waren alle wirklich gut:

  • Robert Fuchs über also im Indischen Englisch – es kann an Stellen stehen, die das Britische Englisch nicht erlaubt, wahrscheinlich durch den Einfluss eines ähnlichen Wortes in verschiedenen indischen Sprachen,
  • Michael Sappir über Portemanteaumorpheme im Karuk – sie sind sehr widerspenstig und wollen sich nicht so recht beschreiben lassen, sodass man zur Vereinfachung komplizierte Regeln annehmen muss ;),
  • Ludger Paschen über ein Audiokorpus zu Varietäten des Russischen – eine total spannende Sisyphosarbeit, 1000 Stunden Tonaufnahmen sollen extrem detailliert annotiert werden,
  • Sophie ter Schure über Experimente zum Spracherwerb und zur Wortartenklassifikation – besonders schön kam hier raus, dass man nicht immer sofort das perfekte Experimentdesign findet und wie man schließlich doch zu aussagekräftigen Daten gelangen kann – und
  • Tanja Ackermann zu „geschlechtsspezifischen“ Deonamen – lustigerweise verhalten sich die Deonamen sehr ähnlich wie die Rufnamen z.B. bezüglich der Wortlänge, der Betonungsstruktur und des Auslauts. Strategien, die man benutzt, um Frauen- und Männernamen zu differenzieren, benutzt man auch, um für sie gedachte Produkte zu benennen.

Außerdem gab es natürlich den Gastvortrag von Marion Grein zu Komplimenten in verschiedenen Sprachen – muss man gehört haben, kann man nicht beschreiben. Enormer Unterhaltungswert plus fachlich hochinteressant.

Schließlich gab es noch eine Stadtführung, die eigentlich im Mainzer Dialekt sein sollte – der Stadtführer hat sich aber nicht so recht getraut. Gelernt habe ich trotzdem was, z.B. dass der Schambes mal Jean Baptiste hieß.

Top 100 Language Blogs 2010

Und weil ich dafür keinen Extrabeitrag aufmachen will, noch schnell hier: Das Schplock wurde für eine Wahl nominiert, und zwar die Top 100 Language Blogs 2010, in der Kategorie Language Professionals. Ich bin mir noch nicht so sicher, wie ich mich dabei fühle, denn einerseits ist sind so tolle Seiten wie John Wells phonetisches Blog nominiert, andererseits aber auch der Zwiebelfisch.

Eine knapp kommentierte Liste aller Kandidaten findet ihr hier (und hier kann man bis 24. Mai abstimmen – für was auch immer man will, ich habe hier extra keinen dieser schamlosen Vote-for-this-Blog-Buttons hingesetzt).

Ich hab leider gar keine Zeit, mich durch die Kandidaten durchzuklicken, aber wenn ihr irgendwelche Perlen in der Liste findet, freue ich mich riesig auf Hinweise in den Kommentaren. Genug Sprach(wissenschafts)bookmarks kann man nie haben :)


[Videotipp] Affen, Kleinkinder und Kommunikation

22. Februar 2010

Sooo, ich bin schon mit einem Bein aus der Tür, denn morgen geht’s in aller Frühe zur DGfS-Jahrestagung nach Berlin. Juhu!!!
Damit euch in der Zwischenzeit nicht langweilig wird, gibt’s einen kleinen Videotipp (mit Dank an Memo).

Michael Tomasello, dem es sich immer zuzuhören lohnt, sprach 2006 in Paris in einer vierteiligen Vorlesungsreihe über Kommunikation und warum sie bei Menschen so anders ist als bei Menschenaffen. Technisch versierte Leute haben es aufgezeichnet und online gestellt. Naja, vielleicht nicht ganz so versiert, denn das erste Video hat leider eine ganz schlechte Klangqualität, das vierte ist auch nicht ganz so doll.

Es gibt viele lustige Videos von Affen und Kleinkindern und viele lehrreiche Erkenntnisse über die Unterschiede und Gemeinsamkeiten zwischen den beiden.

Hier geht’s zur Übersicht der Videos, hier finden sich auch noch kurze Inhaltsangaben.

Wer sich für das Thema zwar interessiert, aber dazu keine englischen Videos angucken mag, kann ja mal einen Blick in dieses (für Laien anspruchsvolle!) Buch werfen:

Michael Tomasello (1999): Die kulturelle Entwicklung des menschlichen Denkens. Aus dem Englischen übersetzt von Jürgen Schröder. Frankfurt a.M.: Suhrkamp.


									

[Buchtipp] Watching the English

20. August 2009

Buchtipps sind keine Spezialität von mir. Nicht, dass ich nicht einen ganzen Stapel von empfehlenswerten Büchern auf meinem Nachttisch liegen hätte. Aber irgendwie kann ich mich nur selten davon überzeugen, was drüber zu schreiben. Und wenn ich’s dann tue, sind es schon alte Hüte. Jetzt will ich die Zahl der dringend nötigen Tipps auf drei verringern:

2009-08-20-fox“Watching the English. The Hidden Rules of English Behaviour” habe ich vor einigen Jahren gelesen und mittlerweile ist seine große Zeit in den deutschen Bahnhofsbuchhandlungen (denn da steht es eigentlich in jeder größeren Stadt) schon fast wieder vorüber. Als ich es meiner Mutter schenkte, hatte sie es sich schon selbst gekauft. Als ich es Memo empfehlen wollte, kannte er es schon längst. Ihr müsst es also lesen, Gruppenzwang und so! Aber ganz abgesehen davon, ist es wirklich großartig.

Kate Fox ist eine britische Anthropologin, die sich einem skurrilen Inselvolk widmet: Den Engländern. Sie analysiert das Volk mit dem Beschreibungsinstrumentar ihres Faches und schafft es dabei, uns die Engländer zunächst völlig zu entfremden und sie uns dann wieder sehr nahe zu bringen. Man sollte das Buch keinesfalls zu kurz vor einer Reise auf die Insel lesen – die daraus entstehende Angst davor, all diese geheimnisvollen gesellschaftlichen Regeln zu brechen, kann in enormem Stress resultieren.

Warum ich “Watching the English” so fantastisch finde? Es ist wissenschaftlich fundiert – aber nicht vollgestopft mit unverständlicher Terminologie. Kate Fox erklärt genau, wie sie arbeitet und warum sie es so tut. Es ist lebendig – zur Illustation dienen oft mitgehörte Gespräche oder selbst gemachte Beobachtungen, aber auch kleine Anekdoten. Es ist humorvoll – nicht zum Brüllen komisch, aber auf eine sehr feine, schmunzelnde Art humorvoll. Kate Fox nimmt ihre Arbeit ernst, kann aber auch wunderbar selbstironisch sein.

Das Buch besteht aus zwei Teilen, “Conversation Codes” und “Behaviour Codes”. Im ersten Teil geht es um schplockrelevantes, nämlich Sprache und Kommunikation. Dabei kommt natürlich das beliebte Wetter zur Sprache, aber es geht auch darum, wie ein Gespräch zwischen zwei Unbekannten verläuft, in welchem Verhältnis Sprache und Klasse zueinander stehen und welche Besonderheiten in einem Pub zu beobachten und -lauschen sind. Wusstet ihr zum Beispiel, dass man sich beim Kennenlernen nie direkt mit Name und Beruf vorstellt? Der Name wird erst ganz am Schluss und ganz beiläufig genannt, den Beruf lässt man sein Gegenüber erraten.

Der zweite Teil widmet sich verschiedenen Lebensbereichen und ihnen eigenen Verhaltensmustern. Es wird erklärt, warum my home my castle ist, es geht um Arbeit, Freizeit, Kleidung und vieles mehr. Auch die enorme Bedeutung des Schlangebildens wird unter die Lupe genommen: Engländer stellen sich überall an und halten die Reihenfolge penibel ein. Selbst wenn sie ganz alleine sind.

Alle “Regeln” arbeitet Fox durch Beobachtungen, Interviews und auch kleine Experimente heraus – sie bricht sie und analysiert die Reaktionen darauf. Diese Regeln fügen sich nachher zu etwas zusammen, das sie “the Grammar of Englishness” nennt, ein Regelwerk, das von einigen wenigen Prinzipien bestimmt wird und alle Verhaltensmuster auf ein gemeinsames Grundmuster zurückführt.

“Watching the English” gibt es – das Thema legt es nahe – nur auf Englisch. Wer von Euch davon genug zum Bücherlesen kann, dem sei es allerwärmstens ans Herz gelegt!

Hier noch eine der kleinen Regeln zum Reinschnuppern:

The Weather-as-family Rule

While we may spend much of our time moaning about our weather, foreigners are not allowed to criticize it. In this respect, we treat the English weather like a member of our family: one can complain about the behaviour of one’s own children or parents, but any hint of censure from an outsider is unacceptable, and very bad manners.

Although we are aware of the relatively undramatic nature of the English weather – the lack of extreme temperatures, monsoons, tempests, tornadoes and blizzards – we become extremely touchy and defensive at any suggestion that our weather is therefore inferior or uninteresting. […] Indeed, the weather may be one of the few things about which the English are still unselfconsciously and unashamedly patriotic.