Zur Erlustigung was über frühneuhochdeutsche Grammatikschreibung

6. Januar 2012

(Hinweis: Die orangen Passagen wurden nachträglich geändert/hinzugefügt.)

Hach, wie schön es sich über Sprache schwärmen lässt … hier aus Der Hóchdeutsche Schlüszel zur Schreibrichtigkeit oder Rechtschreibung (Samuel Butschky, Leipzig 1648), weitgehend wortwörtlich von Herrn Schottelius geklaut:

Sehr wohl vergleicht Herr
Schottel / unsere Hóchdeutsche
Haupt= und Heldenspráche / einem
ansehlichen/fruchtbringendenBau=
me / welcher seine saftreiche Wur=
tzeln/ tief in den Erdbóden / und da=
rinn weit ausgestrekt / also / daß er
die Feuchtigkeit / und das Mark der
Erden / vermittels seiner äderlein/
an sich zeucht ; seineWurtzeln/durch
ein fruchtreiches saftiges Naß /
zeucht ‚zieht‘
durchhärtet/tauerhafft macht / und
sich selbst in die Natur einpfropffet:
Denn die Wurtzeln / und saftige
Stamwörter / unserer Spráche /
haben den Kern/und das Mark/aus
der Vernunft gesogen / und sich auf
die Hauptgründe der Natur ge=
stammet: ihren Stamm aber lassen
sie hóch empor ragen ; ihre Zweige/
tauerhafft ‚dauerhaft‘
und Reiserlein / in unaussäglicher
Menge/ in steter Gewißheit / wun=
dersamer mannigfaltigkeit / und an=
sehlicher Pracht heraus wachsen /
also/daß die Erlustigung an diesem
Wunderstükke / könne stets völlig/
Reiserlein ‚Ästchen‘
und die Genüßung dero süssesten
Früchte / unendlich seyn.
Genüßung ‚Genuss‘

Viel Blabla? Die ganze Baummetapher klingt zwar sehr abgedreht, aber wenn man genau hinliest und nachschaut, wovon im Text drumherum die Rede ist, wird klar, dass Wurzeln, Stamm, Äste und Reiser den Komplexitätsgrad von Wörtern bezeichnen. Den Rest des Beitrags lesen »

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Witwe vs. Witwerin

13. September 2011

Im Sprachlog geht es zur Zeit um die Form Witwerin (statt Witwe) und ihre möglichen Ursachen. (Kurzversion: Es handelt sich um eine Analogiebildung zu all den anderen abgeleiteten Formen auf –in, die an Personenbezeichnungen auf –er angehängt werden.)

In den Kommentaren kam die Frage auf, ob Witwe und Witwerin einmal gleichberechtigt nebeneinander existierten:

Waren damals die Witwerin ein glecihberechtigtes Synonym zur Witwe? Oder war Witwe immer das Grundwort und die Witwerin war immer eine zweifelhafte Nebenform. Wann und warum setzte sich die Witwe durch?

Nun haben wir leider keine perfekten historischen Korpora, aber ich glaube, dass das, was es so gibt, auch ein ganz gutes Bild vermittelt.1 Ich habe mal bei GoogleBooks alle deutschsprachigen Bücher nach Jahrhunderten getrennt durchsucht, beginnend mit dem 16. Jahrhundert. (Vorher sah es ja bekanntlich mau aus mit dem Buchdruck.)

Kaum einer mag die Witwerin

Die Ergebnisse zeigen recht deutlich, dass Witwerin immer nur eine (mit gutem Willen) Nebenform war: Den Rest des Beitrags lesen »


Schschschschschschschschschsch

22. Juli 2011

Beim Herumlesen in frühneuhochdeutschen Texten habe ich eine charmante Betrachtung über das Graphem <sch> gefunden:

In: Der Hochdeutsche Schlüszel Zur Schreibrichtigkeit oder Rechtschreibung (Leipzig, 1648)

Wann das (ch) auf ein (s) folget/so wird ein grobzischender Laut daraus/daß es fast seltzsam ist / wie doch solche drey Búchstaben sich zu der zischenden Stimme gefunden haben ; weil weder einer alleine/noch sie zusammen solchen Tón zugében vermögen : werden demnach ausgesprochen wie das Hebraische ש, als: erfrischen/&c.

Das <sch> ist ein sogenannter “Trigraph”: Man benutzt drei Buchstaben, um einen bedeutungsunterscheidenden Laut (“Phonem”) aufzuschreiben. Das heißt man schreibt z.B. <Sau>, aber <Schau>, dabei werden beide Wörter nur mit jeweils zwei Lauten (einem Frikativ und einem Diphthong) ausgesprochen: /za̯ʊ/ und /ʃa̯ʊ/. Ähnlich geht es mit <ch> (<Bach>, gesprochen /χ/) und <ng> (<hängen>, gesprochen /ŋ/).

Und, wie klug bemerkt, andere Schriftsysteme machen keine derartigen Umstände. Das hebräische Alphabet hat das z.B. <ש> (das allerdings sowohl als [s] als auch als [ʃ] ausgesprochen werden kann), das arabische das <> und das kyrillische das <ш>. Und auch das lateinische Alphabet kann man prima anpassen, wie zum Beispiel das Rumänische mit <ș> zeigt.

Der Autor wunderte sich über die seltsame Schreibpraxis, mit <s>, <c> und <h> einen Laut aufzuschreiben, der sich nicht aus den dreien zusammensetzt. Das ist aber gar kein so großes Hexenwerk – in Wirklichkeit reflektiert sie eine ältere Aussprache. Unser heutiger Laut /ʃ/ kommt durch zwei Lautwandelprozesse zustande: Den Rest des Beitrags lesen »


[Lesetipp] Fugen-s auf dem Vormarsch

19. Mai 2011

Heute mal ein Lesetipp in eigener Sache: Die Pressestelle der Uni Mainz hat eine, wie ich finde ganz gelungene, Pressemitteilung zu meinem Promotionsprojekt veröffentlicht. Wer sich also dafür interessiert, woran ich so arbeite, kann es hier nachlesen gehen.


Der andere Mai

4. Mai 2011

Ihr kennt doch sicher “das andere Links” – aber wusstet ihr, dass es auch mal einen “anderen Mai” gab? Also known as Juni.

Diese Benennung wird logischer, wenn man weiß, dass anderer nicht immer nur seine heutige Bedeutung besaß, die ja so ungefähr ‘nicht dieser’ ist. Schaut mal diese Bibelstellen aus dem ersten Buch Genesis von ca. 1466 (Straßburg) und 1494 (Lübeck) an:

(1) ... vnd es war gemacht abent und der morgen DER ANDER TAGE. (2) ... und van deme auende vnd van deme morghen waert DE ANDER DACH

Bei Luther heißt die entsprechende Stelle:

7 Da machet Gott die Feste / vnd scheidet das wasser vnter der Festen / von dem wasser vber der Festen / Vnd es geschach also.
8 Vnd Gott nennet die Festen / Himel. Da ward aus abend vnd morgen der ander Tag.

Für die nicht ganz so Bibelfesten noch deutlicher wird es dann, wenn man sich das Inhaltsverzeichnis der Lutherbibel anschaut, oder auch sowas hier: Den Rest des Beitrags lesen »


Wir gedenken an den Tod von Jesus

21. April 2011

Spiegel online berichtet darüber, dass ein Pfarrer eine Todesanzeige für Jesus geschaltet hat und zur Gedenkfeier einlädt. So weit, so trivial. Allerdings ist der Text mit einem Bild der Anzeige illustriert, und das fand ich spannend. Da heißt es nämlich:

Wir gedenken an den Tod von

Jesus Ben Josef

genannt der “König der Juden”
*04 v. Chr. †34 n. Chr.

Das Verb gedenken in der Bedeutung ‘sich ehrfurchtsvoll erinnern an’ geht in meinem Kopf nämlich nur mit einem Objekt im Genitiv oder Dativ zusammen, also Wir gedenken des Todes von … oder Wir gedenken dem Tod von … Letzteres noch nicht ganz so salonfähig, aber ich prognostiziere gute Aussichten, weil wir generell Genitivobjekte abbauen. (Auch wenn sich der unsägliche Bastian Sick dabei im Grab umdr darüber geifernd ereifert.)

Erster Gedanke also: Man hat hier an denken oder die Wendung in Gedenken an gedacht und Konsequenzen daraus gezogen. Zweiter Gedanke: Stop! Wer weiß, das kann auch alt sein. Den Rest des Beitrags lesen »


Mehr Spaß mit Ngrams

28. Januar 2011

Heute gibt es ein buntes Sammelsurium von Abfragen mit dem Ngram Viewer. Ich finde sie alle aus dem einen oder anderen Grund ganz erhellend. Vielleicht ja sonst noch wer?

Ab wann ist das Korpus brauchbar?

Meine “schönste” Abfrage ist sicher die folgende, die ich kürzlich (in einer minimal abweichenden Version) auch in den Sprachlog-Kommentaren gepostet habe:

Wie man sieht, wenn man draufklickt, habe ich Allerweltswörter abgefragt: der, die, und, in, … Das sind Wörter, die so häufig sind, dass man in einem ausgewogenen Korpus eigentlich keine großen Schwankungen erwarten würde. Man braucht sie einfach immer, für jeden Text. Klar, das geht nicht unbegrenzt weit zurück, irgendwann sind die Artikel ja auch entstanden, und Personalpronomen waren z.B. im Althochdeutschen noch lange nicht so gebräuchlich wie heute. Aber für die späte frühneuhochdeutsche und neuhochdeutsche Zeit, die der Ngram Viewer abdeckt, sollte es doch einigermaßen passen. Den Rest des Beitrags lesen »