Japanische Schrift 1: Warum Hiragana keine Silben darstellen

7. Juli 2009

(Teil 1 | Teil 2)

Ich habe mal wieder die Suchanfragen durchgeblättert, die zum Schplock führten. Eine davon lautete:

katakana guten tag (24.4.2009)

Auf Japanisch heißt ‘Guten Tag’ konnichiwa. (Zum Anhören dort auf den kleinen Pfeif drücken.) Das wird normalerweise so geschrieben: 今日は. Die ersten beiden Zeichen sind sogenannte Kanji, das letzte Zeichen ist ein Hiragana. In Katakana würde man es so schreiben: コンニチハ. Das tut man aber eigentlich nicht, weil Katakana Schriftzeichen sind, mit denen man Fremdwörter notiert, keine alteingesessenen japanischen Wörter (oder vor Ewigkeiten aus dem Chinesischen entlehnten).

Vielleicht wollte die Person aber auch wissen, wie die deutschen Wörter Guten Tag aussehen würden, wenn man sie auf Japanisch aufschreiben wollte? Da wäre mein Vorschlag: グテン ターク (gu-te-n ta-a-ku).

Ein schöner Anlass, um das mit den Kanji, Hiragana und Katakana mal ein bißchen aufzudröseln:

Drei Schriftsysteme für eine Sprache?

Im Japanischen gibt es drei verschiedene Schriftsysteme. Zwei davon, die Katakana und die Hiragana, sind sich sehr ähnlich, das dritte, die Kanji, ist ganz anders und wird erst übermorgen behandelt ;) Welches Schriftsystem wann verwendet wird, ist klar definiert.

Die Kanji werden verwendet für:

  • Substantive
  • Wortstämme von Adjektiven und Verben

Die Hiragana für:

  • grammatikalische Endungen (Konjugation), Partikeln, Hilfsverben (Okurigana)
  • Wörter, für die kein Kanji mehr existiert
  • als Lesehilfe über/neben schwierigen Kanji (Furigana)

Und die Katakana für:

  • Fremdwörter, die nicht aus dem Chinesischen kommen (auch ausländische Eigennamen)
  • lautmalerische Wörter (Onomatopoetika)
  • zur Hervorhebung (wie Kursivschrift bei uns)
  • in der Werbung häufig für japanische Eigennamen

Die drei Schriftsysteme repräsentieren zwei sehr unterschiedliche Ansätze des Schreibens. Die sich wiederum sehr deutlich von unserer Art unterscheiden:

ABC und Alphabet

Alphabetschriften folgen mehr oder weniger dem Prinzip, dass jeder Laut (bzw. genauer jedes Phonem) durch einen Buchstaben (bzw. genauer ein Graphem) repräsentiert wird. Es besteht also eine Phonem-Graphem-Beziehung. Weder das gesprochene noch das geschriebene Wort haben irgendeinen Bezug zur Wortbedeutung, sie sind dem Bezeichneten gegenüber völlig willkürlich. (Das ist nur bei lautmalerischen Wörtern anders, da ähnelt der Klang dem Bezeichneten.)

2009-07-07-Alphabet

Man sieht hier also, dass zwar die Lautstruktur und die Schreibung von Geld miteinander verknüpft sind, der Bezug der beiden zum realen Objekt aber extra gelernt werden muss.

Die meisten Sprachen der Welt werden in einer Alphabetschrift notiert. Dazu gehört das lateinische Alphabet (a, b, c, …), das sich wie das kyrillische (а, б, в, …) aus dem griechischen Alphabet entwickelt hat (α, β, γ, …).

In Japan benutzt man keine Alphabetschrift, sondern:

Sil-ben-schrif-ten und die ominöse Mo-o-re

Es gibt auch Schriftsysteme, die nicht einen Laut, sondern eine ganze Silbe in ein Zeichen stecken.

2009-07-07-SilbeMoreHier sieht man, dass das japanische Wort für Geld in Hiragana aus zwei Silben besteht, ka und ne, und jede dieser Silben hat ein Zeichen1. Wobei das etwas gelogen ist – es passt zwar zufällig für dieses Wort, aber eigentlich schreibt man bei Hiragana keine Silben, sondern Moren. Moren sind Einheiten, die etwas kleiner sind als Silben. Wenn nämlich eine Silbe einen langen Vokal beinhaltet, dann wird der extra geschrieben.

Mutter heißt auf Japanisch okaasan (お母さん2). Das Wort besteht aus drei Silben:

2009-07-07-okaasan

Es besteht aber gleichzeitig aus fünf Moren. Um Moren zu bestimmen, muss man die Silbe noch einmal in kleinere Teile zerlegen. Wer sich nicht für Silbenstruktur interessiert, kann den nächsten Abschnitt einfach überspringen, aber ich versuche es leicht verständlich zu erklären.

Eine Silbe besteht aus mehreren Bestandteilen. Wichtig für uns ist jetzt mal nur das, was nach dem Konsonanten kommt (falls ein Konsonant am Anfang steht). Wenn es ein kurzer Vokal ist und die Silbe dann zuende ist, haben wir gar kein Problem, Silbe und More sind identisch. Das ist z.B. beim o von okaasan so. Deshalb bekommt das o auch nur ein einziges Hiragana, nämlich お.

Wenn aber ein langer Vokal folgt wie bei kaa, oder sogar ein Konsonant wie bei san, verhält sich die Sache anders. Bei Langvokalen zählt nur der halbe Vokal zur ersten More, die andere Hälfte bildet die zweite More: ka|a. Dadurch bekommen beide Teile ein eigenes Zeichen: か ka und あ a.

Bei Konsonanten am Silbenende zählt der Konsonant ebenfalls als Extramore: sa|n mit den Zeichen さ sa und ん n.

In Hiragana hat das Wort also fünf Zeichen: okaasan. (Yeah, ich wollte schon immer mal ne retro-bonbonbunte Seite!)

Eine Sprache mit echter Silbenschrift ist zum Beispiel das Cherokee.

Übermorgen geht’s dann weiter mit den Kanji …

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In eigener Sache

1. Juli 2009

Gestern habe ich meine Magisterarbeit angemeldet: “Flexionsklassen diachron und dialektal: Das System der Substantivklassen im Alemannischen

Und nicht nur weil der Kommentar der Sachbearbeiterin im Dekanat lautete “Äh, ja. Schön geschrieben, das kann ich gut abtippen”, will ich noch ein bißchen mehr dazu sagen:

1. Flexionsklassen & Substantivklassen

Darum ging es schon einmal in Oh Herz Jesu, meine Kasus! Ganz kurz gesagt: Flexionsklassen gibt es für alle flektierenden Wortarten.

Für Verben heißt die Flexion auch Konjugation. Verben besitzen im Deutschen je nach Numerus (Ein- oder Mehrzahl), Person (1., 2., 3.), Tempus (Präsens, Präteritum, …), Modus (Indikativ, Konjunktiv, Imperativ) verschiedene Formen. Alle verschiedenen Formen eines Verbs zusammengenommen nennt man Paradigma. Alle Verben, die auf die gleiche Weise konjugiert werden, gehören zusammen zu einer Klasse. Das ist für das Deutsche nicht so leicht einzuteilen, bei Sprachen wie Spanisch geht es besser: Die Infinitivendung Vokal+r besteht bei manchen Verben aus i+r, bei anderen aus a+r oder e+r. Je nach Vokal wird anders konjugiert.

Bei Substantiven spricht man von Deklination. Ein Substantiv benötigt im Deutschen die Informationen Kasus (Nominativ, Genitiv, Dativ, Akkusativ), Genus (maskulin, feminin, neutrum), Numerus (Singular, Plural) und Definitheit (bestimmt, unbestimmt). Genus und Definitheit werden nur am Artikel markiert, Kasus und Numerus sowohl am Substantiv als auch am Artikel.

Die Substantivklassen werden im Deutschen also an Kasus und Numerus festgemacht. Im Genitiv können Substantive z.B. auf -(e)s enden (des Mannes), oder auf -(e)n (des Bären), oder völlig endungslos sein (der Frau_). Im Plural gibt es unglaublich viele Möglichkeiten: die Männer, die Frauen, die Nächte, die Autos, die Nägel, die Wagen, … Die Substantivklassen teilt man durch die Kombination von Genitiv Singular und Nominativ Plural ein. Alle Substantive, die diese beiden Formen auf die gleiche Weise bilden, bilden auch alle anderen Formen identisch. Eine sehr schöne Übersicht findet Ihr auf canoo.net.

2. Diachron & dialektal

Diachron (oder diachronisch) kommt von griechisch dia ‘(hin)durch’ und chronos ‘Zeit’. Das Adjektiv bezeichnet eine Vorgehensweise, bei der man Sprache über einen längeren Zeitraum hinweg (Jahrhunderte, nicht Tage) betrachtet und die Veränderungen untersucht. In meinem Fall werde ich schauen, wie die Substantive im Althochdeutschen eingeteilt waren und wie und warum sich diese Einteilung zum Neuhochdeutschen hin verändert hat. Das Gegenstück zu diachron ist synchron, die Betrachtung eines Sprachsystems zu einem bestimmten Zeitpunkt.

Dialektal bezieht sich auf Punkt 3:

3. Alemannisch

Im Alemannischen unterscheiden sich die Klassen sowohl vom althochdeutschen als auch vom neuhochdeutschen System. Es gibt zum Beispiel keinen Genitiv mehr, der Pluralmarker alleine bestimmt über die Substantivklasse. Ich untersuche zwei Ortsdialekte im alemannischen Sprachraum und schaue, wie die Klassen da eingeteilt sind.

Ein paar Aspekte zum Thema findet Ihr auch schon auf dem Schplock:


Europawahl ist Sprachenwahl?

7. Juni 2009

So, alle Wahllokale geschlossen? Dann kann ich ja.

Ich saß letzte Woche ratlos vor dem Europawahlzettel, fasziniert von all den kreativen Parteien. Nicht gewählt, aber mit Interesse zur Kenntnis genommen habe ich die Partei auf dem Listenplatz 24:

Europawahl 2009

Europawahl 2009

(Die auf 25 war aber auch lustig.)

Ich habe die deutsche Homepage von EDE gefunden – komischerweise scheint es sie nicht auf Esperanto zu geben (dafür aber ihre europäische Seite). Die Politik scheint eigentlich nur darin zu bestehen, für Demokratie zu sein (nicht sehr profilbildend) und Esperanto als Sprache der europäischen Verständigung vorantreiben zu wollen. Die Begründung für letzteres ist die, dass eine Nationalsprache als Hauptverständigungssprache deren Muttersprachler über Gebühr bevorzugt. Mit Esperanto macht man es also laut EDE für alle schwerer und somit fairer, weil alle eine Fremdsprache sprechen. Die Frage ist allerdings, ob es wirklich für alle gleich schwer würde, oder ob nicht doch wieder bestimmte Muttersprachler bevorzugt würden …

“Das Lernen [von Esperanto] wird zudem dadurch noch weiter vereinfacht, dass die Wortstämme vor allem aus romanischen und germanischen Sprachen entlehnt sind. Somit versteht der durchschnittlich gebildete deutsche Lerner einen erheblichen Teil des Wortschatzes – ganz ohne Lernaufwand.” (Quelle, Hervorhebungen von mir)

So, das ist also fair? Ja, viele Sprachen, die in Europa gesprochen werden, sind germanische oder romanische Sprachen. Aber bei weitem nicht alle. Es gibt in der EU nämlich auch folgende Amtssprachen (Regional- und Minderheitensprachen berücksichtige ich gar nicht erst):

  • Slawischen Sprachen (Polnisch, Tschechisch, Bulgarisch, Slowakisch, Slowenisch, Kroatisch – letzteres nur als regionale Amtssprache in Österreich)
  • Irisch-Gälisch, eine keltische Sprache, gesprochen in Irland und diverse keltische Sprachen in Großbritannien
  • Baltische Sprachen (Lettisch und Litauisch)
  • Griechisch, das einen eigenen Sprachzweig bildet, gesprochen in Griechenland und auf Zypern
  • Baskisch, gesprochen in Spanien, eine isolierte Sprache (d.h. dass keine mit dem Baskischen verwandten Sprachen existieren) – ist allerdings nur eine regionale Amtssprache
  • Malti, gesprochen auf Malta, eine semitische Sprache
  • Estnisch, Finnisch, Ungarisch, die finno-ugrischen Sprachen
  • Türkisch, gesprochen auf Zypern, eine Turksprache

Hier noch einmal visualisiert – die “Randgruppen” sind klar zu erkennen:

2009-06-07-NichtgermromEuropa3

(modifiziert nach Wikipedia)

Ich will niemandem das Esperanto schlechtreden, dazu verstehe ich auch viel zu wenig davon – aber dass es eine “neutrale” Sprache geben kann, die für Sprecher aller Sprachen in der EU mit einem ähnlichen Lernaufwand verbunden ist, bezweifle ich dann doch. Und dass es jetzt noch eine Chance hat, zur EU-Sprache aufzusteigen, erst recht. Nichtsdestotrotz eine interessante Sprache, in die es sich durchaus lohnt, mal reinzuschnuppern:


Ethymo- und Etnologie

12. März 2009

Heute hat jemand das Schplock mit dem Suchbegriff „ethymologisch“ gefunden (der Suchmaschinen-Rechtschreib-Korrektur sei Dank!) – auch ein Fall von Hyperkorrektur: Weil wir bei Fremdwörtern aus dem Griechischen dauernd irgendwelche <th>s schreiben, wird das auch manchmal in Fällen gemacht, bei denen das <t> der Buchstabe der Wahl wäre. (Schnell gegooglet: 271.000 Treffer für Ethymologie mit <th>, 289.000 mit <t> – *puh* Das war knapp!)

Wie kommt es, dass zwei Wörter, die aus derselben Sprache entlehnt wurden und an der entscheidenden Stelle gleich klingen, verschieden geschrieben werden?

Die Etymologie von Etymologie

Kluge verweist für Etymologie auf altgriech. etymologia ‘Lehre vom Wahren’, das über das Lateinische ins Deutsche entlehnt wurde.

Ethnologie hingegen geht auf altgriech. éthnos ‘Volk, Schar’ zurück.

Tau vs. Theta

Was wir in lateinischen Buchstaben als <t> und <th> schreiben, sind im Griechischen zwei verschiedene Buchstaben: τ (Tau) und θ (Theta). Und auch zwei verschiedene Laute:

  • τ (Tau) klang im Altgriechischen wie unser heutiges [t] in trinken,
  • θ (Theta) klang wie unser heutiges [] in taufen.

Bei der Schreibung von Wörtern mit diesen Buchstaben orientieren wir uns an der lateinischen Umschrift der Römer (die auch meistens zwischengeschaltet waren, d.h. viele griechische Wörter wurden aus dem Lateinischen entlehnt, nicht direkt aus dem Griechischen) – und die Römer nahmen für das Theta die Kombination <th>.

Was ist der Unterschied?

[] ist ein sogenanntes “aspiriertes T”. Das bedeutet, dass nach dem eigentlichen [t] noch ein kleiner Luftschwall folgt. Wir hören den Unterschied im Deutschen i.d.R. nicht, weil er nicht bedeutungsunterscheidend ist – das aspirierte T wird meist gesprochen, wenn es am Wortanfang steht und danach ein Vokal folgt, sonst kommt das “normale”. (Leider habe ich im Netz keine Audioaufnahme gefunden. Aber wenn man sich beim Sprechen genau zuhört und vielleicht ein Blatt Papier vor den Mund hält – das bewegt sich bei aspirierten Lauten –, kann man den Unterschied schon bemerken.)

Das ist in anderen Sprachen anders – z.B. im Altgriechischen.1 Dort sind [] und [t] so verschieden wie [t] und [d] im Deutschen.

Woher kommt’s?

Jetzt wird es vage, wie das so ist, wenn man sich jenseits schriftlicher Quellen tummelt. Griechisch ist ja eine indogermanische Sprache, wie das Deutsche auch, d.h. letztlich müssen diese Konsonanten auf dieselben „Urkonsonanten“ zurückgehen.

Für das Indogermanische setzt man folgende Plosive2 an:3

  • p, t, k (“Tenues”)
  • bʰ, dʰ, gʰ (“aspirierte Medien”)
  • b, d, g (“Medien”)

Das altgriechische geht wohl auf das idg. dʰ zurück – die aspirierten Medien wurden nämlich zu aspirierten Tenues, also stimmlos: idg. dʰ > protogriech. .

Die deutsche Entsprechung hat folgende Entwicklung mitgemacht: idg. dʰ > germ. ð (klingt wie engl. <th> in that) > westgerm. d > althochdt. t.4 Das griech. θύρα und das deutsche Tür sind z.B. miteinander verwandt. (Indogerm. hieß es *dʰwer-.)

Mit dem geschriebenen <h> nach dem <t> kann das Deutsche also einfach nichts mehr anfangen – für Aspiration gibt es ja Regeln: Ethnologie ist im Deutschen z.B. nicht aspiriert (weil das T nicht am Wortanfang vor Vokal steht), die altgriech. Aussprache wird nicht berücksichtigt.

Das <th> in der Orthografie

Dass wir das <th> weiterhin fleissig schreiben, liegt daran, dass es in der deutschen Rechtschreibung kein starkes Prinzip zur Eingliederung von Fremdwörtern gibt. Im anderen Sprachen wird auf die Originalschreibung wenig Rücksicht genommen – Orthographie heißt im Spanischen z.B. ortografía, Ethnologie ist etnología. Das Deutsche scheut sich vor so etwas. Dazu schreibe ich vielleicht mal mehr.

Es gab einst ein <th> auch in Wörtern deutschen Ursprungs wie Thal, Thür, thun, Noth. Das <h> in solchen Wörtern wird im Grimmschen Wörterbuch als Dehnungszeichnen interpretiert: “[…] wobei h vor oder nach langem oder gedehntem vocal nur ein dehnungszeichen ist.”

Das “deutsche” <th> wurde bei der II. Orthographischen Konferenz in Berlin 1901 abgeschafft, das Fremdwort-<th> wurde ausdrücklich belassen.

Auch <ph> geht übrigens auf ein pʰ zurück, und das <ch> in Wörtern griechischen Ursprungs auf kʰ. Dass <ph> im Deutschen als [f] ausgesprochen wird (wie im modernen Griechischen übrigens auch), kann ich nicht so gut erklären, es könnte etwas mit dem Lateinischen als Zwischenschritt zu tun haben. Da werde ich aber noch nachforschen.

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[Weihnachten] Die Christmette und Xmas

27. Dezember 2008

Dieser Artikel ist ins neue Sprachlog umgezogen und ab sofort hier zu finden!