Europawahl ist Sprachenwahl?

7. Juni 2009

So, alle Wahllokale geschlossen? Dann kann ich ja.

Ich saß letzte Woche ratlos vor dem Europawahlzettel, fasziniert von all den kreativen Parteien. Nicht gewählt, aber mit Interesse zur Kenntnis genommen habe ich die Partei auf dem Listenplatz 24:

Europawahl 2009

Europawahl 2009

(Die auf 25 war aber auch lustig.)

Ich habe die deutsche Homepage von EDE gefunden – komischerweise scheint es sie nicht auf Esperanto zu geben (dafür aber ihre europäische Seite). Die Politik scheint eigentlich nur darin zu bestehen, für Demokratie zu sein (nicht sehr profilbildend) und Esperanto als Sprache der europäischen Verständigung vorantreiben zu wollen. Die Begründung für letzteres ist die, dass eine Nationalsprache als Hauptverständigungssprache deren Muttersprachler über Gebühr bevorzugt. Mit Esperanto macht man es also laut EDE für alle schwerer und somit fairer, weil alle eine Fremdsprache sprechen. Die Frage ist allerdings, ob es wirklich für alle gleich schwer würde, oder ob nicht doch wieder bestimmte Muttersprachler bevorzugt würden …

“Das Lernen [von Esperanto] wird zudem dadurch noch weiter vereinfacht, dass die Wortstämme vor allem aus romanischen und germanischen Sprachen entlehnt sind. Somit versteht der durchschnittlich gebildete deutsche Lerner einen erheblichen Teil des Wortschatzes – ganz ohne Lernaufwand.” (Quelle, Hervorhebungen von mir)

So, das ist also fair? Ja, viele Sprachen, die in Europa gesprochen werden, sind germanische oder romanische Sprachen. Aber bei weitem nicht alle. Es gibt in der EU nämlich auch folgende Amtssprachen (Regional- und Minderheitensprachen berücksichtige ich gar nicht erst):

  • Slawischen Sprachen (Polnisch, Tschechisch, Bulgarisch, Slowakisch, Slowenisch, Kroatisch – letzteres nur als regionale Amtssprache in Österreich)
  • Irisch-Gälisch, eine keltische Sprache, gesprochen in Irland und diverse keltische Sprachen in Großbritannien
  • Baltische Sprachen (Lettisch und Litauisch)
  • Griechisch, das einen eigenen Sprachzweig bildet, gesprochen in Griechenland und auf Zypern
  • Baskisch, gesprochen in Spanien, eine isolierte Sprache (d.h. dass keine mit dem Baskischen verwandten Sprachen existieren) – ist allerdings nur eine regionale Amtssprache
  • Malti, gesprochen auf Malta, eine semitische Sprache
  • Estnisch, Finnisch, Ungarisch, die finno-ugrischen Sprachen
  • Türkisch, gesprochen auf Zypern, eine Turksprache

Hier noch einmal visualisiert – die “Randgruppen” sind klar zu erkennen:

2009-06-07-NichtgermromEuropa3

(modifiziert nach Wikipedia)

Ich will niemandem das Esperanto schlechtreden, dazu verstehe ich auch viel zu wenig davon – aber dass es eine “neutrale” Sprache geben kann, die für Sprecher aller Sprachen in der EU mit einem ähnlichen Lernaufwand verbunden ist, bezweifle ich dann doch. Und dass es jetzt noch eine Chance hat, zur EU-Sprache aufzusteigen, erst recht. Nichtsdestotrotz eine interessante Sprache, in die es sich durchaus lohnt, mal reinzuschnuppern:


[Surftipp] Strange Maps – Sprachkarten

18. Dezember 2008

Ich bin zurück, mit dem festen Vorsatz, endlich mal so regelmäßig zu schreiben, dass auch jemand regelmäßig vorbeischaut.
Heute soll es um ein Blog gehen, das ich heiß und innig liebe: Strange Maps.
Jeder Eintrag dreht sich um eine Landkarte oder einen Stadtplan irgendeiner Art, und darunter sind auch viele sprachbezogene Karten.

Hier ein kleiner Überblick:

334 – The Atlas of True Names: Etymologie

Hier geht es um Karten, auf denen alle Namen (Städte, Länder, Gewässer, …) etymologisch auf ihre „Urform“ zurückgeführt werden. Es handelt sich mehr um ein Spaßprojekt als um eine wissenschaftliche Arbeit, weshalb es auch das Language Log ziemlich kritisiert hat – aber ich finde die Idee sehr witzig, und was ich bisher von der Umsetzung gesehen habe ich auch nicht so übel.
Ich hab mir die Karten bestellt und werde bestimmt bald was drüber schreiben.

329 – Chaffinch Map of Scotland
: Dialektologie

Ein Gedicht in der Form Schottlands – das Verbreitungsgebiet des chaffinch ‚Buchfink‘ wird mit der jeweiligen regionalen Bezeichnung markiert.

308 – The Pop Vs Soda Map: Regionalismen

Es geht darum, wie alkoholfreie Erfrischungsgetränke in den USA genannt werden. Zur „Pop vs. Soda controversy“ gibt es auch eine eigene Internetseite.

2008-12-strangemaps
231 – Praise the Lord and Pass the Dictionary!: Sprachen Europas & Graphie

Europa Polyglotta, Linguarum Genealogiam exhibens, una cum Literis, Scribendique modis, Omnium Gentium – eine Karte mit dem Beginn des Vaterunsers in der jeweiligen europäischen Sprache (und dem entsprechenden Alphabet) im entsprechenden Land.

230 – Papua New Guinea, the Linguistic Superpower: Sprachen der Welt

Diese Karte liebe ich ganz besonders – sie rückt die Dinge einmal in die richtige Perspektive, sprachtechnisch. Eine Weltkarte, die zeigt, wie groß die Länder sein müssten, wenn man ihre Größe nach den in ihnen gesprochenen Sprachen berechnete. Auf nach Ozeanien!

41 – Amikejo, the World’s First (and Only) Esperanto State
: Kunstsprache

Die kreativen Bemühungen einer Sprache, ein Land zu finden …

13 – The retreat of Cornish: Sprachtod

Hier sieht man, wie Kornisch „ins Meer gedrängt“ wurde. Vom bösen Englisch. Es wurde aber zwischenzeitlich wiederbelebt, das sieht man auf der Karte nicht.

Strange Maps lohnt sich aber nicht nur wegen der ab und an linguistischen Karten – auch alles andere ist sehr lesens- und sehenswert. Dringend mal vorbeischauen!